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Kamerun 2. Projekt März 2009


Kamerun 2. Teil März 2009

 

Am 08. März 2009 ging es los. Ich, Bernhard, startete von Düsseldorf und Manfred von Frankfurt. Planmäßig sollte ich um 11.35 h in Zürich landen und um 12.30 h zusammen mit Manfred den Anschlussflug nach Yaounde nehmen.  Es kam leider etwas anders und ich landete, wie ich mit Erschrecken feststellte, erst um 11:50 h und zu allem Überfluss war an der Sicherheitskontrolle eine Riesenschlange. Also rief ich Manfred an, der schon auf mich wartete und wir gingen als letzte an Bord. Der Flug verlief problemlos, bis auf den Umstand, dass mein integriertes Videodisplay leider defekt war. Am Flughafen von Yaounde wurden wir von Elias BEIDI, dem Präsidenten von CODEBO abgeholt, der uns ins Hotel brachte, wo wir uns kurz frisch machen konnten. Zum Abendessen gingen wir mit ihm Fisch essen. Das Restaurant glich einer übergroßen Garage mit drei offenen Kaminen, wo der Fisch gegrillt wurde. Es roch köstlich. An dem Tag war auch der International Frauentag und dieser wurde ausgiebig an jeder Straßenecke gefeiert. In unserem Restaurant war laute Musik, die Frauen hatten alle Gewänder extra zum internationalen Frauentag an und tanzten ausgelassen. Wir teilten uns einen großen kompletten Fisch, mit – ich glaube es waren Planteen (gebratene Bananen) und Bisi-Bisi (scharfes Zeug). Elias BEIDI versprach, am nächsten Morgen um 7h ins Hotel zu kommen und uns unsere Flugtickets für den Inlandsflug vorbeizubringen. Sein Bruder Robert BEIDI sollte uns dann zum Flughafen bringen und wir wollten noch zur Bank, da wir beide kein Geld gewechselt hatten.

 

09.03.09 Am nächsten Morgen gingen wir um 7.30 h zum Frühstück aber Elias war noch nicht da gewesen. Wir waren „not amused“. Glücklicherweise kam er um 8.00 h – mit den Flugtickets. Um 9.00 h kam dann Robert. Da aber in Yaounde extrem viel Verkehr war und wir schon um 10.25 h am Flughafen sein wollten, kamen wir leider nicht zur Bank.

Am Flughafen angekommen erwartete uns schon die nächste Herausforderung. Zum ersten standen wir nicht auf der Liste, was aber nach etwa 15 min geklärt war und zum anderen waren statt 23 kg pro Koffer für den Inlandsflug nur 20 kg pro Koffer zugelassen. Aber als Robert dem Mann am Check-in-Schalter finanzielle Argumente darlegte, war auch dieses Problem ein gelöstes. Bei der Sicherheitskontrolle wollten sie Manfred’s Whiskey konfiszieren. Als er dann sein auf französisch verfasstes Schreiben mit seiner Tätigkeitsbeschreibung vorwies konnte er endlich passieren. In Maroua sollte uns Roland ZIEBE abholen. Nach ca. 1,5 Stunden kamen wir im gefühlten 15 Grad wärmeren aber wesentlich trockeneren Maroua an. Niemand war da. Manfreds Laune sank erheblich. Ich entschied mich dazu das ganze zwar aufregend zu finden aber gelassen und mit Humor zu nehmen. Nach etwa 10 min kam Gabriel ein Freund von Roland um uns abzuholen.  Er fuhr uns nach Maroua und brachte uns erst einmal in sein Stammlokal, wo wir ein extrem zähes Hähnchen mit Gemüse und ein Bier genießen durften, während wir auf die Ankunft von Roland warteten der noch unterwegs von Garoua nach Maroua war. Nach etwa einer Stunde trafen wir dann Roland und zumindest Manfred konnte bei ihm etwas Bargeld wechseln. Ich hatte immer noch kein Geld, da ich erstens relativ wenig Bargeld und 2. ansonsten nur meine Visa-Card dabei hatte (Das passiert, wenn man sich auf die Aussagen anderer verlässt). Manfred drängte nun noch im Hellen in Kaele anzukommen, also brachte Roland uns zur Busstation von Danay Express. Wir ergatterten die letzten 2 freien Plätze. Es war ein Kleinbus und das Gepäck wurde auf das Dach geschnallt. Ich gab meinen Fotorucksack allerdings nicht aus den Händen und nahm ihn mit rein. Ich hatte noch relatives Glück, da ich mit noch einer Person direkt neben dem Fahrer auf einem kleinen Klappsitz platz nehmen konnte. Ich hatte zwar nur Platz für ein Bein dafür aber oben rum mehr Platz. Manfred dagegen musste sich in  eine Reihe mit vier nicht gerade schmalen Personen quetschen, wobei er nur halb auf einem Sitz saß und sonst auf der Ritze. Wir kamen nach gut eineinhalb Stunden völlig fertig und natürlich im Dunklen an, wo wir aber herzlich von den beiden Direktoren der Gymnasien Nyeyambe und Wasel empfangen wurden. Sie brachten uns in unser Hotel wo wir uns endlich frisch machen und ein bisschen ausruhen konnten. Der Abend klang mit einem netten Abendessen im Circuit bei Solange (es gab Hähnchen :-)) und einer Lagebesprechung aus und wir sanken erschöpft in unsere Betten.

 

10. Mrz. 2009 Nach einem frühen Frühstück bei Solange - ein leckeres Omelette mit Zwiebeln, Chili und Brot - gingen wir zuerst in eine Fortbildungseinrichtung für Frauen in Kaele um nach einem Gespräch mit dem Direktor evtl. Interessenten oder Lehrer für unser Projekt zu finden. Spontan meldete sich niemand. Wir werden morgen noch einmal nachfragen. Wir fuhren dann ins Gymnasium nach Boboyo, 15 min von Kaele entfernt. Dort packten dann nach Manfreds Anweisungen und unter Aufsicht von Nyeyambe und Jaques, dem IT-Lehrer die computer­interessierten Schüler die vier Paletten mit PCs, Monitoren und Zubehör aus. Wir staunten nicht schlecht, als wir In zwei der Palleten Futter für Mäuse und eine verschimmelte Papaya fanden. Diese Sachen waren in Deutschland noch nicht drin. Nach der Bestandsaufnahme stellte Manfred fest, das wohl 9 Computer auf dem Beförderungsweg unter Aufsicht von CODEBO verloren gegangen waren. Wir teilten also die restlichen Geräte auf die 2 Schulen auf bevor es zum nächsten Schritt ging. Die PCs und Monitore mussten alle gereinigt werden. Unter Manfreds Anleitung reinigten die Schüler jedes Gerät und nach dem der Computer-Raum gesäubert war, wurden diese dann aufgestellt. Um 15 Uhr war die Arbeit für den Tag getan und wir fuhren zurück ins Hotel. Da ich immer noch kein Geld hatte fragte ich den deutschsprechenden Sohn des Managers ob er eine Chance sehe wie ich an Geld komme. Er und Josef unser Lieblings-Kellner des Hotels wollten für mich beim Buchhalter des Geschäftes nebenan einen Umtausch organisieren. Leider war er grade nicht da und tauchte auch im Laufe des Abends nicht auf. Ok, immer noch kein Geld, aber bisher hab ich ja auch keins gebraucht. Vorsichtshalber hat mir Manfred schon einmal 50 Euro zum tauschen geliehen, so das ich insgesamt 80 Euro habe. Um 19 h wurden wir von Nyeyambe zum Abendessen abgeholt, diesmal kein Hähnchen, sondern Kartoffeln und Gemüse und Chili. Zum Nachtisch gab es eine Mango. Das absolute Highlight des Tages.

Um 21 Uhr haben wir den Tag für beendet erklärt und waren auf unseren Zimmern. Ursprünglich dachte ich, ich hätte wegen der hohen Decke keine Möglichkeit mein Moskito-Zelt zu installieren. Aber nachdem ich 4 Moskitos erschlagen und innerhalb von 2 Stunden 3 Stiche kassierte kam mir die Erleuchtung. Ich spannte eine Schnur – ich hatte Packkordel eingepackt von der Gardinenstange zum gegenüberliegenden Holzschrank und befestigte in der Mitte das obere Ende meines Moskito-Zeltes. Der Rest der Nacht war herrlich angenehm.

 

11. März 2009

Da Nyeyambe heute um 8 Uhr ein Meeting hatte, sind wir bereits um 7:15 h frühstücken gegangen. Für mich viel zu früh. Anschließend besuchten wir wieder die Fortbildungseinrichtung für Frauen um nach der Resonanz zu fragen aber außer dem Lehrer schien keiner Interesse zu haben. Es lag vielleicht auch daran, das sie zumindest ein klein wenig Englisch verstehen sollten. Grundsätzliches IT-Interesse ist wohl vorhanden, denn als wir ankamen, saßen 16 Frauen vor den vorhandenen 4 Computern. Mit einem Abstecher über den Markt um uns mit Wasser und Mangos zu versorgen fuhren wir dann nach Boboyo. Dort verließ uns Nyeyambe wieder und wollte uns gegen 15 h wieder aufsammeln. Wir riefen also Jacques und die Schüler wieder zusammen. Manfred hatte sich morgens vom Hotel 3 Messer ausgeliehen um damit die Tastaturen zu säubern. Nun erklärte er allen, wie die Tastaturen und Mäuse zu reinigen waren. Im Computer-Raum erklärte er Jacques die Anschlüsse an den Strom und von Tastatur, Maus und Monitor. Nach dem erklärten Muster sollte Jacques die restlichen Geräte anschließen. Als wir die Geräte auf ihre Funktion prüfen wollten, mussten wir leider feststellen das es zur Zeit keinen Strom gab. Wie sich herausstellte, war dies in der ganzen Umgebung von Boboyo und Kaele der Fall. Also widmeten wir uns weiter der Bastelarbeit. Manfred erklärte dann anhand einer Tastatur sozusagen als „Trockenübung“ (weil kein Strom) die grundlegenden Funktionen der Tastatur während Jacques für die Schüler dies in Französisch übersetzte. Zu Mittag bereitete uns Maria die mitgebrachten Mangos zu und machte uns einen Tee. Manfreds Magen mochte diese Sorte Tee wohl nicht oder er war zu stark, denn er vertrug ihn nicht gut. Nach der Mittagspause waren war keiner mehr da; außer Jacques und Elias. Wir hatten aber noch jede Menge zu tun. Um Steckdosen zu sparen bastelte Manfred mehrere Y-Verbindungsstücke um PC und Monitor auf einer Steckdose laufen zu lassen. Anschließend befestigten wir die Steckdosen an den Tischen. So verging der Nachmittag. Es wurde 15 h und 15.30 h aber kein Nyeyambe in Sicht. Schließlich um 16.30 kam er und brachte uns zum Hotel. Ich fragte direkt noch mal bei dem Sohn des Managers nach meiner Geldwechsel-Möglichkeit und tatsächlich, ich konnte endlich mein Geld eintauschen. Neben den Mangos und das 2. Highlight des Tages. Bis zum Abendessen haben wir dann geschlafen. Um 19 Uhr wurden wir zum Essen abgeholt und ließen bei Reis mit Fleischstückchen und Soße den Tag mit einer Lagebesprechung ausklingen.

Schluß und letzte Woche in Kamerun


Kamerun Teil 5 – Dienstag, 16. Dezember 2008

 

Wir sind unendlich traurig, dass das Ziel dieses Projekts – ein Pilotprojekt für Kamerun - nicht erreicht werden konnte. Bis zum Schluss hat Manfred Druck gemacht, Gespräche geführt, ist am letzten Tag in Douala persönlich zur Agency und zum Zoll gefahren, hat sich mit dem Beauftragten von CODEBO, Mr. Elias Beidi, kurz vor unserem Abflug getroffen und letzte Absprachen besprochen. Alle Beteiligten sind sich einig, dass das Vorhaben zu Ende geführt werden muss – dass heißt, dass Manfred Anfang nächsten Jahres wieder nach Kamerun reisen wird.

 

Vier Wochen haben wir in Kaele und Boboyo verbracht, und beim Zelte abbrechen haben wir gemerkt, dass wir in der Zeit viele Freunde gewonnen haben – unsere beiden fürsorglichen Headmaster mit ihren Familien, Dr. Roland Ziebe mit seiner gastfreundlichen Familie, die Hotelangestellten, besonders Josef, den Direktor der Bank, der uns den Zugang zum Internet ermöglicht hat und nicht zu vergessen Solange, die uns in ihrem Circuit mit landesüblicher Küche versorgt hat.

 

Im Haus von Elias Wassou gab es das leckerste Essen zu unserem Abschied in großer Runde – und da beschlich uns doch ein wenig Wehmut, dass eine erlebnisreiche Zeit mit allen Höhen und Tiefen zu Ende gegangen ist.

 

Am Samstag bestiegen wir den Flieger von Maroua nach Douala, nicht um 14.30 Uhr wie angekündigt, nicht um 15.00 Uhr wie angeschlagen, sondern bereits um 14.00 Uhr – wie gut, dass wir frühzeitig am Flughafen waren! So hatten wir die Hoffnung, dass wir unser letztes Ziel im Hellen erreichen würden: Limbe in der englischsprachigen Provinz South West.

 

Doch weit gefehlt. Wir gerieten in das größte Verkehrschaos, das ich je erlebt habe. Unser zum Glück sehr besonnener, wenn auch wortkarger Taxifahrer brauchte zwei Stunden, um erst einmal aus Douala heraus zu kommen, und dann noch einmal zwei Stunden, um unser Ziel zu erreichen. Es ist eine berüchtigte Strecke, besonders in der Dunkelheit, und unserer Fahrer bat uns, die Türen zu verriegeln, um uns vor eventuellen Überfällen zu schützen. Die wunderbare üppig grüne Landschaft konnten wir erst bei der Rückfahrt bewundern mit ihren riesigen Plantagen: Kautschuk, Ölpalmen und Bananen.

 

Zwei Tage verbrachten wir in dem idyllischen Badeort Limbe, direkt am Atlantik und am Fuße des immer noch aktiven Vulkans Mt. Cameroon – auf der einen Seite bewaldete Hügel, auf der anderen der Ozean. Mit dem größten Vergnügen und großer Ausdauer hat sich Manfred in die Wellen gestürzt, während ich Spaziergänge am Strand mit dem schokoladenbraunen vulkanischen Sand bevorzugt habe. Ein schöner Abschluss nach einem aufregenden Projekt!!!

Die vierte Woche in Boboyo

Kamerun Teil 4 – Donnerstag, 11. Dezember 2008

 

Ein afrikanisches Sprichwort heißt: Von nichts gibt es so viel wie von der Zeit, denn es kommt immer noch mehr Zeit. Ein anderes Sprichwort besagt: Der Europäer hat die Uhr und der Afrikaner hat die Zeit.  

Das trifft genau auf uns und das Projekt zu! 

Das Projekt muss unterbrochen werden. Die Computer sind immer noch in Douala. Inzwischen hat CODEBO einen Geldbetrag für Zoll, Lagerung und Transport zur Verfügung gestellt, und wenn jetzt alles glatt über die Bühne geht, werden die Computer nächste Woche hier in Kaele und Boboyo eintreffen – zu spät für uns – unser Flug geht am nächsten Dienstag zurück. Installation und Schulung müssen auf Anfang nächsten Jahres verschoben werden.  

Jetzt muss ich von Joseph erzählen. Joseph ist 31 Jahre alt, arbeitet hier im Hotel, spricht recht gut Englisch und nutzt jede freie Minute, um sich mit uns zu unterhalten. Er wohnt in einem kleinen Dorf, eine Stunde Fußmarsch vom Hotel entfernt, den er Tag für Tag zu Fuß zurücklegt, bei Tag und bei Nacht. Für uns kaum zu glauben, aber es gibt auch Schüler, die jeden Tag 10 km und mehr zu Fuß durch den Busch laufen, um die Secondary School in Boboyo oder das Lycee in Kaele zu besuchen! Doch zurück zu Joseph. Er stammt aus einem Clan mit vielen Familien­angehörigen. Anscheinend hat er zuhause viel von uns erzählt, denn eines Tages überbrachte er uns eine Einladung seiner Mutter, die Familie zu besuchen, alle waren neugierig auf uns und wollten uns kennen lernen. So eine Einladung darf man auf keinen Fall ablehnen, das gilt als grobe Unhöflichkeit. 

Mit Nyeyambe fuhren wir in das kleine Dorf, betraten den Compound und wurden überschwänglich zuerst von der alten Mutter, dann von den übrigen Familienangehörigen begrüßt, umarmt, geküsst. Immer mehr Tanten, Onkel, Schwestern, Brüder gesellten sich in unsere Runde, während die Kinder in Grüppchen im Hintergrund blieben und verschämt kicherten. Dicht gedrängt auf Bänkchen hockend oder auf Matten auf dem Boden sitzend, wurde erzählt, gefragt und viel gelacht. Und natürlich wurden wir auch zum Essen eingeladen. Zuerst Händewaschen und dann wurden die Deckel gelüftet mit Josephs Worten (in Englisch): Dies ist ein Gericht, das meine Mutter für Sie gekocht hat, so, wie wir es in den Villages essen. Wir können es uns nicht erlauben, jeden Tag Fleisch zu essen – guten Appetit. Das Essen war nur für uns beide und für Nyeyambe zubereitet – alle anderen sahen uns beim Essen zu. Es gab Couscous mit Soße, hergestellt aus Okraschoten und getrocknetem Fisch. Und diese Soße bewirkte, dass mein Magen von unten nach oben hüpfte und wieder zurück. Von einer weiteren Beschreibung will ich absehen. Manfred, der schon von Sierra Leone ungewohnt schmeckendes Essen kannte, aß tapfer seinen Teller leer – und ich schaffte es dann auch irgendwie. Es gab noch einen Schluck roten Wein, und ich beglückte die dankbare Mutter mit einem schönen Stück Seife von zuhause.  

Und wie es üblich ist, bekamen auch wir Gastgeschenke – aber von ganz anderer Art. Die Familie schenkte uns von dem, was sie geben konnte: ein lebendiges Schaf und ein lebendiges Huhn! Wir konnten es nicht glauben, waren total sprachlos – wohin damit? – ablehnen war unmöglich. Also wurde das Schaf in den Kofferraum von Nyeyambes Auto verfrachtet, das Huhn dazu, und unter vielen Umarmungen und Dankbarkeitsbezeugungen nahmen wir Abschied.  

Vorher durften wir noch die schlichte Hütte der Mutter betreten und bekamen das erste Mal einen Einblick in das genügsame Leben innerhalb der Lehmmauern. Josephs Hütte stand außerhalb des Familienquartiers. Wenn ein Mann 20 ist, muss er seine eigene Hütte bauen und kann seine eigene Familie gründen – mit ein, zwei oder mehr Frauen. Je mehr Frauen und Kinder ein Mann hat, desto angesehener ist er.  

Die ganze Fahrt über hat Nyeyambe über uns gelacht und vorgeschlagen, Manfred solle unser Schaf die nächsten Tage auf die Weide führen, wie es die anderen Dorfbewohner mit ihren Tieren auch tun, und ich solle für das Schaf am Brunnen Wasser schöpfen. Mit dem Huhn wäre es einfacher, das kommt gleich in den Topf! Das Schaf wird jetzt bei Nyeyambe versorgt, zum Abschied haben wir es mit Hirse gefüttert und gestreichelt.  

Wie wir erfuhren, war es für Josephs Familie eine große Ehre, dass wir als Weiße Gäste bei ihnen waren, das hebt das Ansehen der Familie im ganzen Dorf.  

Montag war ein islamischer Feiertag, die Schulen waren geschlossen, und Nyeyambe hat uns seinen ganzen freien Tag gewidmet. Vor zwei Jahren hat er angefangen, außerhalb von Kaele ein Haus zu bauen und einen Mangobaum zu pflanzen. Bei der Besichtigung lernten wir auch gleich seine Nachbarn kennen und wieder beobachteten wir, dass gerade die kleinen Kinder Abstand von uns nahmen. Das erinnert mich an eine Begebenheit in Hause von Roland in Maroua. Eine Freundin kam mit ihren beiden Kindern zu Besuch. Die ganze Zeit starrte uns das kleinste Mädchen  aus angstgeweiteten Augen an und weinte bitterlich, war gar nicht zu beruhigen. Es hatte eine unheimliche Furcht vor uns, hatte noch nie vorher  weiße Menschen zu Gesicht bekommen.  

An diesem Tag zeigte uns Nyeyambe die wunderbare weite Busch- und Felslandschaft  und die vielen Dörfer rund um den Berg von Boboyo. Das Dorf Midjivin ist das Dorf seiner Eltern, dort war er vor etlichen Jahren Headmaster und hat vor der Schule viele Bäumchen pflanzen lassen, die inzwischen eine beträchtliche Höhe erreicht haben. Von seinem Freund und jetzigen König von Midjivin wurden wir gastfreundlich empfangen und zum Essen eingeladen. Reis und Rindfleisch mit Soße waren eine bekömmliche Speise. Und noch einmal mussten wir zugreifen: in dem Dorf Bololo ließ der Chief – wiederum ein alter Freund von Nyeyambe – gegrilltes Schaffleisch mit Chili servieren, dazu starken, süßen Tee. Dieser so erlebnisreiche Tag endete allerdings damit, dass Manfred und ich mächtige Bauchkrämpfe bekamen und eine bewegte Nacht vor uns hatten! Am nächsten Tag war alles überstanden – wir hatten schließlich die richtigen Medikamente mitgenommen. 

Die dritte Woche in Boboyo

Kamerun Teil 3 – Freitag, 5. Dezember 2008 

Immer den Berg von Boboyo vor Augen, setzte Manfred endlich seinen geheimen Wunsch in die Tat um. Einen Berg zu betrachten, reicht nicht, man muss ihn besteigen – auch wenn es im heißen Kamerun ist. Es bedurfte dann auch einiger Überredungskünste, zuerst Nyeyambe und dann den Sportlehrer Jeremy zu dem Unternehmen zu bewegen.  In aller Herrgottsfrühe machte sich die kleine Gruppe auf den Weg, zu der sich noch freiwillig ein Freund von Jeremy und ein kleiner flinker Junge aus dem Dorf gesellten – ich blieb freiwillig im Hotel zurück. Der Aufstieg war beschwerlich, stellenweise dornig und so zugewachsen, dass ein Weiterkommen nur mit Hilfe von Macheten möglich war. Raues Felsgestein musste überwunden, lange steile Platten erklommen werden, die Sonne brannte erbarmungslos – doch dann der beglückende Moment beim Erreichen des Ziels und der Blick über die endlose Savanne. Erhitzt,  erschöpft, hungrig, mit aufgeritzten Armen und Beinen – aber stolz und glücklich kamen die Wanderer heim. 

Was ist passiert – warum sehen wir überall Gendarmerie und Soldaten mit Gewehren – sogar in unserem Hotel? Wir sind ein wenig beunruhigt. Wir erfahren, dass sich nördlich von Kaele im Buschland Diebe (vermutet wird aus dem Tschad) herumtreiben, die Kinder von Bauern, die Vieh besitzen, entführen und anschließend Lösegeld erpressen. Bei einer Razzia der Gendarmerie wurde der Gendarmerie-Oberst ermordet, jetzt ist man auf der Suche nach den Mördern.   

Noch keine Freigabe beim Zoll . . . .  

Am Sonntag, 30. November, beschließen wir, nach Maroua und in den Waza-Nationalpark zu fahren. Kaum sitzen wir im Auto von Nyeyambe, der uns nach Maroua fährt, als Manfred vergnügt ausruft: Wir haben Urlaub! Wir genießen die Fahrt. Ausläufer der Mandara-Berge an der Grenze zu Nigeria zeigen bizarre Gesteinsformationen, terrassenförmig bebaute Hänge, erodiertes Vulkangestein. Immer wieder tauchen Rundhüttendörfer auf, von Lehmmauern umgeben. Ziegen- und Schafherden suchen Nahrung auf den trockenen Feldern, Frauen tragen riesige Bündel Holz auf ihren Köpfen in die Hütten, Kinder pumpen Wasser und schleppen schwere Kanister nach Hause. An den Straßenrändern herrscht Leben und Treiben, wird Gemüse und Obst angeboten, Handys werden aufgeladen, Autos und Fahrräder repariert. Der Fahrtwind trocknet die Augen aus, es ist heiß, die Sonne brennt auf Gesicht und Armen.  

Wir erreichen Maroua, das Herz des Nordens, die drittgrößte Stadt Kameruns nach Douala und Jaounde. Maroua liegt an den Ausläufern der Mandara-Berge und an beiden Ufern des Mayo Kaliao. Zurzeit ist er ein breites sandiges Flussbett, nur wenige Rinnsale sind sichtbar. Frauen schöpfen Eimer und Schüsseln voll und balancieren sie – natürlich auf den Köpfen – nach Hause oder sie waschen ihre Wäsche dort gleich aus und lassen sie auf dem heißen Sand trocknen. Rinder und Ziegen werden von Hirten über das Flussbett getrieben. Die meisten Verkehrswege in Maroua sind nicht geteert, Autos und Mofas wirbeln den ganzen Tag Staub auf, vermischt mit Smog, der das Atmen erschwert und den Hustenreiz fördert. Es herrscht eine heiße trockene Hitze. Wohltuend dagegen sind die schattigen Alleen mit riesigen Neembäumen und Akazien. An riesige Verwaltungsgebäude schließen sich von Mauern umgebende Lehmhütten an, Handwerksbetriebe säumen die Straßenränder, das Leben spielt sich auch hier auf der Straße ab – nicht zu übersehen sind hier die vielen armselig gekleideten Menschen, schmutzig, zerlumpt, bettelnd. Dieses unüberschaubare Treiben macht uns benommen, erscheint fast unwirklich, fasziniert, verwirrt, lässt uns staunen, erzählt aus einer anderen Welt, auf die wir uns immer wieder neu einlassen und auch einlassen müssen.   

In Maroua treffen wir Roland, Dr. Roland Ziebe, Veterinär, mit Projekten an der Uni beschäftigt, Vorsitzender von CODEBO, dem Committee Development Boboyo. Er wohnt mit seiner jungen Frau Doudou Florentine und seiner fast zweijährigen Tochter Didja Aurose am Stadtrand von Maroua in einer wunderschönen großen Rundhütte, umgeben von Mango-, Papaya- und Mandarinenbäumen und blühenden Sträuchern – ein kleines Paradies.  Er wird in den nächsten Tagen unser ständiger und fürsorglicher Begleiter sein. Untergebracht sind wir im Hotel Fety, das Zimmer ist einfach, das Bett sauber. Sehr störend jedoch in den Nächten die Hellhörigkeit – Fernseher und Radios laufen die ganze Nacht lang.  

Schreck in der Abendstunde. Als wir mit Rolands Auto zum Essen fahren wollten, hatte es einen „Platten“. Wir mussten also zu Fuß gehen, derweil der Reifen ausgewechselt wurde. „Ist ja nur um die Ecke!“ Ich hatte das Gefühl, es seien mindestens 10 km, die wir auf den holprigen Wegen im Stockdunklen zurücklegen mussten, und ich hatte Angst, in ein Loch oder in einen Graben zu fallen! (Wäre ja nicht das erste Mal!) Zum Glück hatte ich eine Taschenlampe dabei.  

Roland und Doudou führten uns in eine schummrige Kneipe am Straßenrand – nie im Leben wäre ich dort allein hineingegangen – und bekamen dort den leckersten Fisch serviert, frisch gegrillt, gut gewürzt, mit Salat (den wir jedoch gemieden haben), Maniok oder Casava genannt (ein Knollengewächs) und gebackenen Gemüsebananen, dazu Chili-Soße und Gemüsepesto. Und jetzt konnte auch Manfred nicht ausbüxen – es wurde mit den Fingern gegessen, Messer und Gabel gab es einfach nicht! Und wie es ihm geschmeckt hat! Die Fische werden frisch aus dem Magasee angeliefert und vor Ort auf dem Grill zubereitet.   

Auf der Heimfahrt gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Rolands Papiere wurden eingehend kontrolliert, auch wir mussten uns ausweisen. Wir wussten, dass man immer Ausweispapiere bei sich haben muss, es würde aber ein Personalausweis genügen, den Pass sollte man der Vorsicht halber lieber an einem sicheren Ort deponieren. Da sind wir aber an den Falschen geraten! Sehr ernst und düster dreinblickend wollte er unsere Personalausweise nicht anerkennen und unterzog uns beim Schein einer Taschenlampe einem längeren Verhör. Uns war recht mulmig zu Mute. Doch nachdem er sich mit seinem Chef beraten hatte, ließ man uns passieren.  

Natürlich ließen wir auch hier in Maroua das Projekt nicht aus den Augen. Hilfe erhofften wir uns von Rolands Hausnachbarn, Hon. Amadou Adji, Vice-Chairman of the Committee on Education, Vocational Training and Youth. Er gewährte uns eine Audienz von bleibender Erinnerung. Schon das Äußere seiner Erscheinung ließ einen Mann von hohem Ansehen erkennen, groß, gut aussehend, würdevoll, höflich, mit einem prachtvollen Gewand. Er ließ starken gesüßten Kaffee bringen, den er uns selbst servierte. Der große Raum war angenehm kühl, mit vielen Teppichen ausgelegt – die Schuhe ließen wir an der Tür stehen, wie es die Sitte erfordert –, die Fenster mit bis zum Boden fallenden Vorhängen verdeckt. Ich versank geradezu in den tiefen Sesseln – und mich befiel ein Gefühl der Traumhaftigkeit – sitze ich wirklich im Haus eines begüterten Moslems, der sich für uns Zeit nimmt, seine Freunde warten lässt, mit denen er um seine dritte und jüngste Frau trauert, die vor ein paar Tagen gestorben war. . .  

Roland erklärte dem äußerst interessierten Mr. Amadou Adji das Projekt in den Schulen von Boboyo und Kaele von SES, ident.africa und CODEBO, versprach Unterstützung für die Herausgabe der Computer beim Zoll und wünschte sogleich ein weiteres Projekt für die Schulen hier in Maroua – er könne 200 Computer gebrauchen! 

Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir, wie die schulische Situation in anderen Dörfern und Städten dieses Landes ist. Nicht 80 Schüler – wie in Boboyo – sitzen hier in einer Klasse, sondern bis zu 240, die von nur einem Lehrer unterrichtet werden.  Auch in Boboyo gibt es für die insgesamt ca. 400 Schülerinnen und Schüler nur zwei Lehrer von der Regierung, die anderen sieben Lehrer werden von ident.africa und von den Eltern bezahlt! Es gibt Schulen, die weder Tische noch Bänke haben – und die Regierung ist nicht imstande (oder nicht interessiert?), dieses Problem zu lösen. Natürlich stehen Gelder für Education zur Verfügung – doch in welche Kanäle sickern sie? Hier muss noch viel Arbeit geleistet werden! 

Durch die Vermittlung von Mr. Amadou Adji kommen wir endlich an die richtige Adresse, zu dem Chef der Zollinspektion in Maroua, einem älteren, stattlichen, starke Autorität ausstrahlenden Mann mit grauen Haaren und grauen Bart und einer tiefen, wohltönenden Stimme. Er setzt sich sofort mit dem Zoll in Douala in Verbindung, um (wieder einmal!) zu erklären, dass es sich um gebrauchte Computer für Schulen handelt. Ohne Umschweife erklärt er uns die Schwierigkeiten, über die wir immer wieder stolpern. Er macht klar, dass Zoll gezahlt werden muss, wie alles, was in das Land eingeführt wird. Eine Zusage des Ministers für Educatiion wird nichtig, wenn nicht der Minister der Finanzen zustimmt. Und das ist  ein langwieriger Prozess! Mit Mr. Essam wird vereinbart, das Geld für den Zoll zur Verfügung zu stellen, um endlich zu einer Lösung zu kommen. 

Bevor wir Maroua verlassen, versäumen wir nicht, das Zentrum für Kunsthandwerk zu besichtigen. Leider waren die Werkstätten geschlossen, so dass wir die Handwerker nicht bei ihrer Arbeit beobachten konnten. 

Unserer Weiterfahrt in den Waza-Nationalpark stand nun nichts mehr im Wege.  

In einem Land Cruiser mit dem tollkühnen Fahrer Hamidou der Universität und Roland ging die Fahrt über eine Asphaltstraße Richtung Norden nach Mora, einer langgestreckten Stadt mit schattigen Alleen aus Neembäumen. Die Häuser sind hier viereckig, meist mit Wellblech abgedeckt und von kleinen Lehmmauern umgeben – im Gegensatz zu den Rundhütten in Boboyo, unserem Lieblingsdorf, die mit Stroh bedeckt sind. Die Landschaft wird jetzt flach, nur noch von einzelnen Felsbrocken unterbrochen, weit breitet sich eine Busch- und Steppenlandschaft aus.  

Der Waza-Nationalpark ist der bekannteste und tierreichste Nationalpark Kameruns mit einer Fläche von 170.000 ha. Mit zwei Wissenschaftlern gehen wir auf Safari: Roland natürlich – er hat hier bereits ein Projekt durchgeführt, bei dem mit Hilfe von eingesetzten Chips bei Löwen per GPS deren Wege erkundet werden können (notwendig, weil die Löwen in der großen Trockenzeit bis in die Dörfer kommen und das Vieh reißen). Sein jetziges Projekt hat zum Ziel, die Fischbestände in den Teichen und Seen in der Trockenzeit zu sichern. 1/3 des Parks  besteht aus Sumpfgebiet, das im Laufe der Trockenzeit austrocknet und nur einige Wassertümpel zurücklässt. Es wurden Brunnen gebohrt, um mit Hilfe von mobilen Pumpen den Wasserstand zu regulieren und damit das Leben der Fische zu erhalten. Ein weiterer Schritt soll die Vermarktung der Fische sein, um eine Einkunftsquelle für die Bevölkerung zu ermöglichen. Der andere  Wissenschaftler, Francois aus Montpellier in Frankreich, arbeitet in einem Team, das die Wasservorkommen in Kamerun dokumentiert. Wir haben uns also in interessanter Begleitung befunden! Wenn wir auch keine Elefanten und Löwen zu Gesicht bekamen, konnten wir doch Giraffen beobachten, Strauße, Antilopen, Wildschweine, Mangouste (ich kenne den deutschen Namen dafür nicht, sehen aus wie riesige Ratten), Affen, Hyänen, Perlhühner und eine Anzahl Vögel, allen voran die quirligen zwitschernden Schwärme von Webervögeln. Manfred schenkte mir ein Sträußchen mit lila Sumpfblüten und trockenen Grashalmen – wir hatten Hochzeitstag! Vor 37 Jahren haben wir am 3. Dezember in Sambia in Afrika geheiratet!  

Im Campement de Waza, am Hang gebaut, übernachteten wir in einem gemauerten, mit einem Strohdach versehenen Rundhütten-Bungalow und genossen die Weite und die Stille dieser Ebene.  

Bei einem Gang durch das kleine Dorf Waza verfolgten uns tausend Blicke, teils freundlich lächelnd, grüßend, teils ernst und skeptisch. Die Kinder eilten auf uns zu und fragten nach „Cadeau“, waren aber nicht aufdringlich. Am Straßenrand lagen riesige, übermäßig beladene Laster, an denen vor der Weiterfahrt in den Tschad Reifenwechsel und letzte Reparaturen vorgenommen wurden. In dem Restaurant „Chez Alwine“ am Ausgang des Dorfes kehrten wir ein, es gab wieder einen lecker zubereiteten Fisch mit Gemüse und Kartoffeln. 

Hier fanden wir uns auch am nächsten Morgen mit Sack und Pack wieder ein, um mit einem öffentlichen Kleinbus zurück nach Maroua zu fahren. Dieses Abenteuer hatte uns ja noch gefehlt. Man wartet an der Straße auf den Transport, und wenn man Glück hat, gibt es freie Plätze. Wir mussten fast drei Stunden warten, bis wir mitgenommen wurden und uns als letzte in den kleinen Bus zwängen konnten.  Bei den Ausweichmanövern wegen der vielen Schlaglöcher auf die sandigen Seitenstreifen geriet der hoch beladene Bus in bedenkliche Schieflagen. Eine Fahrt durch ein ausgetrocknetes Flussbett wurde dank des kundigen Fahrers gut gemeistert. Ich habe mich über mich selbst gewundert, dass ich die fast 3-stündige Fahrt ohne Bewegungsfreiheit unbeschadet überstanden habe!  

In Maroua wollten wir uns mit Roland treffen, der aber nicht zu erreichen war. So schlugen wir uns zum Busbahnhof durch und setzten unsere Fahrt – wieder mit einem öffentlichen Bus, wieder eingequetscht mit den anderen Reisenden – bis nach Kaele fort, wo wir nach fast zwei Stunden Fahrt glücklich und staubig und hungrig in „unserem“ Hotel les Palmiers landeten.

Die zweite Woche in Boboyo

Kamerun Teil 2 – Montag, 24. November 2008

Es ist Montagvormittag. Ich sitze in einem Office der Schule von Boboyo, Schweißtropfen laufen über mein Gesicht und den Rücken hinunter, es sind 35 ° im Raum, draußen in der Sonne habe ich 45 ° gemessen. Durch das Fenster habe ich einen weiten Blick über die Savanne, dahinter erhebt sich der schwarze Berg von Boboyo. In der Ferne erkenne ich einige Lehmhütten, vor denen Frauen in bunten Kleidern Korn stampfen, kleine Kinder hüpfen herum, Schafe, Ziegen und Rinder ziehen langsam den sandigen Weg entlang. Es ist wohltuend ruhig und friedlich – es erscheint fast unwirklich. Doch dann ertönt der metallene Klang des Gongs – Pause – die Schülerinnen und Schüler streben in ihrer hellblauen Schuluniform aus den Klassen, schwatzen, kichern, der Hof füllt sich mit Leben. Aber niemanden sehe ich essen oder trinken, selbst die Lehrer nicht. Manfred ist der einzige, der eine Notration bei sich hat – eine Packung trockener Kekse, und ich schleppe immer eine Flasche Wasser mit mir herum, halte mich aber mit dem Trinken so gut es geht zurück, um nicht allzu oft das Toilettenhäuschen aufsuchen zu müssen, das ja bekanntlich eine andere Ausstattung hat als bei uns daheim. Gerade musste ich meinen Raum verlassen, weil der immer staubige Boden mit einer Gießkanne voll Wasser benetzt wurde. Die Handwerksarbeiten gehen gut voran. Gerade ist der letzte Tropfen Farbe verbraucht worden, jetzt muss der Maler ins nächste Dorf fahren und Nachschub holen. Die Computertische und Stühle sind geliefert und aufgestellt, die Elektriker legen Kabel und Kabelkanäle und installieren Leuchtröhren an den Wänden. Die Fenstergitter sind gestrichen und werden angebracht. Ab und zu lasse ich mich vor Ort blicken und kann manch guten Rat geben. Aber Manfred gefällt es nicht immer, wenn ich mich einmische, schließlich hat er doch das Sagen! 

Bleibt wiederum nur ein Problem – die Computer! Jede Minute warten wir auf das erlösende Signal aus Jaounde bzw. Douala, dass der Zoll die zollfreie Auslieferung der Computer für Schulungszwecke anerkennt. Für den Transport per LKW rechnen wir noch ein paar Tage, so dass die Computer zum Wochenende hier eintreffen könnten . . .  Nachdem Manfred am letzten Freitag und Samstag noch in heller Aufruhr wegen der Verzögerung war – schließlich ist seine Zeit hier begrenzt, konnte er doch am Sonntag so richtig abschalten. Wir verbrachten erholsame Stunden im Hotel mit Ausschlafen, Lesen, Diskutieren – nur unterbrochen von den Fahrten zu Solange, der Inhaberin unseres Circuit,  zum Essen. Heute gab es gekochten Fisch und Brot zum Frühstück, eine Abwechslung zum sonst täglichen Omelett. Die landesübliche Küche beschert uns jeden Mittag und jeden Abend Couscous aus Hirse „Boules de mil“, manchmal Reis oder Nudeln, mit Fleisch oder Fisch oder Blattgemüse, gewürzt mit Chili. Sicherlich gibt es demnächst ein Bohnengericht, denn wir sahen Solange beim Auspulen von getrockneten Bohnenschoten zu. Ich bin immer ganz glücklich über Gemüse, am besten mit Erdnusssoße, denn das Fleisch (von Rind, Ziege, Hammel, Geflügel) entspricht nicht immer meinen Vorstellungen. Bei einem Essen im Haus von Nyeyambe ließen wir uns Yams und Süßkartoffeln schmecken und als Krönung vitaminreiche rosafarbene Guaven-Früchte und Orangen.  

Hier im Norden Kameruns wird Hirse nicht nur für Couscous verwendet, sondern auch zur Herstellung von Hirsebier. Es wird in Kalebassen aufgehoben und ist sehr alkoholhaltig, aber wir haben es bislang noch nicht probieren können. Bei einer unserer zahlreichen Fahrten von Kaele nach Boboyo schauten wir beim Ernten von Erdnüssen zu, zumeist sind Frauen und Kinder bei der Arbeit, gegen Staub und Hitze durch Kopfbedeckungen und Tücher geschützt. Die Erde um eine Pflanze wird zuerst beklopft, dann gehackt, anschließend wird der dürre Strauch aus der Erde gezogen, um die Nüsse an den Wurzelenden zu ernten. Während ich gefragt wurde, ob ich es auch einmal versuchen möchte, bekam Manfred gleich eine Handvoll Erdnüsse geschenkt! 

Von November bis April herrscht in dieser Gegend die große Trockenzeit. Das Land ist trocken und staubig, die Flüsse sind ausgetrocknet. Beim Befahren der Pisten – es gibt nur wenige geteerte Straßen – werden riesige Staubwolken aufgewirbelt, und man muss schon ein geübter Fahrer sein, um bei den Slalomfahrten keinen Achsenbruch zu verursachen, denn während der großen Regenzeit von Juni bis Oktober werden die Sandstraßen durch die heftigen Tropenschauer ausgehöhlt und ausgewaschen. Jetzt beginnen die Ausbesserungsarbeiten, damit die Straßen wieder von den LKWs zum Einbringen der Baumwollernte befahren werden können. Eine große Fabrik in Maroua verarbeitet die Baumwolle zu Öl und Stoffen. Dienstag, 25. November 2008  

Nachdem es gestern Morgen, gestern Mittag und heute Morgen wieder Fisch gegeben hat, hat Manfred gestreikt. Er begnügte sich mit Beignets und Papaya – köstlich! – während ich ein Stückchen Fisch mit Appetit gegessen habe. Die Neuigkeiten des Tages: die Bohrmaschine hat ihren Geist aufgegeben, die Computer sind noch im Zoll.  

Freitag, 27. November Das Resultat dieser Woche: Die Computerräume sind fertig, die Computer befinden sich immer noch in Douala.  

Ich brauche wohl nicht zu schreiben, in welch gespannter Verfassung sich Manfred befindet. Immer wieder wurde ein neuer Weg gesucht per Telefon, Mail, Expressschreiben, immer wieder Hoffnung, immer wieder Enttäuschung, immer wieder liegt ein dicker Stein im Weg! Die Zeit drängt!  Abschalten . . . Eine gute Möglichkeit dazu ergab sich bei einer Einladung zum Essen im Hause des Headmasters des Lycee in Kaele, Mr. Elias Wassou, genannt Wasel. Allein schon die Bekanntschaft mit Jeanne, seiner Frau, war ein einzigartiges Erlebnis. Strahlend betrat sie den Raum, nein, sie trat auf, begrüßte uns herzlich und lebhaft, als ob wir alte Freunde seien, redete in drei Sprachen durcheinander, blitzende Augen, herrlich weiße Zähne, ein wunderschönes dunkelrot-goldenes Gewand, das Kopftuch aus dem gleichen Material – sofort wurden wir von ihrem Charme und ihrer Fröhlichkeit angesteckt und vergaßen für eine lange Zeit unsere Sorgen. Wie soll ich das Essen beschreiben – ich kann nur sagen, es wurde getafelt. Riesige Platten wurden aufgetragen mit gerösteten Kartoffeln, gekochten und frittierten Bananen, ein Blech mit mehreren ganzen Fischen im Gemüsebett und mit viel Knoblauch, dazu ein frischer Salat aus Möhren, Zwiebeln, Tomaten und Erbsen. Als Getränk natürlich Wasser und – wir trauten unseren Augen nicht – der Hausherr öffnete uns zu Ehren eine Flasche herrlichen französischen Rotwein. Wir lernten die fünf Söhne kennen, die, nach und nach aus den Schulen kommend, im Haus eintrafen, und Manfred musste schließlich den Computer begutachten, den Wasel selbst aus Einzelteilen zusammengebaut hat. Natürlich war Manfred beeindruckt – nicht jedoch von dem Gewirr der elektrischen Leitungen, das sich durch das ganze Wohn-Esszimmer zog. Nach diesen ergötzlichen Stunden war an Arbeit nicht mehr zu denken. Wir zogen uns ins Hotel zurück und verzichteten auf das Abendessen bei Solange im Circuit. 

Die erste Woche in Boboyo

Kamerun Teil 1 – Donnerstag, 20. November 2008  Am 15. Mai 2008 fand während der 25-Jahr-Feier des SES (Senior Experten Service) in Bonn eine schicksalhafte Begegnung zwischen Manfred und Fred-Eric Essam statt. Herr Essam (in Köln lebender IBMer) ist Organisator von ident.africa, der viele Projekte in seinem Heimatdorf Boboyo im Norden  Kameruns verwirklicht hat – und Manfred ist immer auf der Suche nach neuen Projekten. Das Resultat dieser Begegnung: Nach genau sechs Monaten landen wir in Kamerun, damit Manfred seinen neuen Auftrag für den SES bei der NGO (Non Government Organisation) CODEBO – Committee Development Boboyo – durchführen kann.  

Kamerun wird wegen seiner Vielfältigkeit auch „Afrique en miniature“ genannt. Ein erster Eindruck tat sich beim Blick aus dem Flugzeugfenster kurz vor der Landung in Douala auf, als sich ein riesiges Flussdelta unter uns ausgebreitete.  Nach der pünktlichen Landung, Pass-, Zoll- und Gelbfieberkontrolle strebten wir dem Ausgang zu, an dem sich Horden von Gepäckträgern drängelten, die von der Flughafenpolizei gewaltsam zurückgehalten werden mussten. Ein rettender Engel wartete mit einem Schild mit unseren Namen an der Absperrung – eine angenehm warme Luft umströmte uns, und wir betraten wieder einmal afrikanischen Boden. Die Nacht verbrachten wir im Ibis-Hotel in Douala, denn erst am nächsten Morgen konnten wir in den Norden Kameruns weiterfliegen. Während des Abendessens begrüßte uns der Direktor des Zementwerks in Douala, ein „Fils de Boboyo“. Viele dieser in Boboyo geborenen Männer, setzen sich für die kulturellen und sozialen Belange des Dorfes ein. Diesen „Fils de Boboyo“, zu denen an erster Stelle Frank-Eric Essam gehört, sollen wir in den nächsten Tagen noch oft begegnen. 

Der Abflug am nächsten Morgen verzögerte sich um 2 ½ Stunden, so dass wir erst am späten Nachmittag in Maroua landeten, inzwischen durstig und mit knurrendem Magen. Aber die Begrüßung am Flughafen durch die Haedmaster der Schulen in Boboyo, Kaele und Gaban-Lara war so herzlich, dass wir alle Kümmernisse vergaßen. Pech nur, das Manfreds Koffer nicht auf dem Laufband erschien, er war auch nicht irgendwo stecken geblieben und auch nicht auf dem Gepäckwagen zu entdecken. Das Flugzeug durfte vorerst nicht weiterfliegen, der Manager des Flughafens und die drei Headmaster gerieten in heftige Diskussionen. Es stellte sich heraus, dass der Koffer im Flugzeug geblieben war, und man versprach, ihn am nächsten Tag nach Kaele zu transportieren, wo sich unser Hotel befand. Letztendlich kam der Koffer am Sonntag an – und Manfred konnte sich endlich frisch einkleiden und seinen Kratzebart rasieren. Doch vorerst befanden wir uns noch auf dem Flughafen von Maroua. Eine lange Autofahrt nach Kaele in Begleitung der Headmaster stand uns bevor. Nach dem Flussdelta mit seinen üppigen grünen Inseln lernten wir ein anderes Gesicht Kameruns kennen – weite trockene Ebenen mit vielen grün belaubten Bäumen, viele davon einzeln und majestätisch in der Landschaft stehend. Im gleißenden Licht der Spätnachmittagssonne ging die Fahrt bis zur Fondation Bethleem de Mouda, wo in der Behindertenwerkstatt Tische und Stühle für die Computerräume in Auftrag gegeben worden waren, die in wenigen Tagen geliefert werden sollten. Leider war weit und breit kein fertiger Tisch zu sehen – nur ein allein stehender Stuhl. Manfreds Miene sprach Bände! Zum Glück hat er Ruhe bewahrt! Schließlich ist er erst am Anfang des Projekts. 

Bis wir unser Ziel Kaele erreichten, erlebten wir ein unbeschreiblich beeindruckendes Naturwunder. Der Himmel, anfangs in grellem Gelb, verfärbte sich langsam in verschwommenes Rosa – Hellblau – Dunkelblau, bis ein Sternenhimmel und ein Vollmond aus dem Dunkel hervortraten. Manfred hatte während der Weiterfahrt im Stockdunklen Mühe, seine Besorgnis über die schnelle Fahrweise unseres – sehr geübten – Fahrers zu verbergen, galt es doch, unbeleuchteten Fahrrädern und Mopeds, am Rande der Straße gehenden Menschen und den vielen Schlaglöchern auszuweichen. Natürlich erreichten wir unbeschadet das Hotel les Palmiers in Kaele und bezogen das uns zugedachte Zimmer. An den Geruch von Desinfektionsmitteln – Mottenkugeln – mussten wir uns erst gewöhnen! 

Auf dem freien Platz vor dem Hotel wurden wir in großer Runde bei einem erfrischenden kühlen Bier willkommen geheißen, und wir fühlten uns sehr geehrt durch die Begrüßung des Königs von Boboyo, der ehrfurchtsvoll mit „Majeste“ angesprochen wird. Und dann wartete ein neues Abenteuer auf aus: das erste Abendessen in Kamerun im Circuit de Solange, einem  kleinen afrikanischen Restaurant mit landesüblicher Küche! Schüsseln mit Wasser standen auf dem Sandboden, und wir wurden gehalten, unsere Hände zu waschen. Manfred meinte, er hätte sie bereits im Hotel gewaschen, was aber herzhaftes Lachen auslöste, denn in Kamerun wäscht man sich immer vor dem Essen die Hände, denn man isst mit den Händen, das heißt, mit der rechten, der reinen Hand.  Es gab Hähnchen mit Beignets. Als ich an der Reihe war mit Auffüllen, erwischte ich als erstes einen Hals, dann ein Gerippe, bis man mir zu Hilfe kam und einen Schlegel für mich herausfischte. Nachdem ich meine Gastgeber beim Essen beobachtet hatte, griff ich auch beherzt mit den Fingern zu und ließ es mir schmecken. Manfred konnte sich nicht dazu überwinden und aß wie gewohnt mit Messer und Gabel, was er bis heute tut. Wieder im Hotel, bediente sich Manfreds meines Waschzeugs und sank todmüde in die Kissen, er brauchte schließlich keinen Koffer auszupacken! Mein Sauberkeitsritual begann mit einem großen Schrei. Beim Öffnen des Wasserhahns sprang die Wasserleitung aus der Befestigung an der Wand, und in Sekundenschnelle standen das Badezimmer und meine Kulturtasche unter Wasser – und ich mittendrin! MANFRED!!!!! Geistesgegenwärtig drehte er den Wasserhahn zu, schlüpfte wieder ins Bett und war zugleich wieder eingeschlafen. Und ich konnte mir weder den Staub des Tages abwaschen noch die Zähne putzen!  

Am nächsten Morgen erwachten wir ausgeruht, aber mit etlichen Moskitostichen versehen, und hatten die Möglichkeit, uns im gegenüberliegenden Zimmer frisch zu machen. Die beiden Headmaster, Mr.Nyeyambe von der Secondary School in Boboyo und Mr. Elias Wassou vom Lycee Bilingue von Kaele, ließen es sich nicht nehmen, uns zum Frühstück bei Solange abzuholen, was sie übrigens die ganze Zeit und zu jedem Essen mit größter Selbstverständlichkeit und Freundlichkeit tun. Nachdem wir die Hühner aus unserer Essecke verscheucht und unsere Hände gewaschen hatten, gab es ein leckeres Omelett mit Zwiebeln und Chili, dazu Kaffee und Tee. So gestärkt, begann die Bestandsaufnahme in den beiden Schulen, in denen die Computerräume eingerichtet werden sollen, zuerst in Kaele, wo bereits Stromanschluss und ein fertig hergerichteter Raum vorhanden sind. Manfred konnte es nicht unterlassen, in einen Klassenraum einzutreten, worauf 80 Schülerinnen und Schüler aufstanden und uns im Chor mit einem „bon jour“ begrüßten.  

In der Schule in Boboyo müssen noch viele Vorarbeiten geleistet werden – und damit waren die nächsten Tage ausgefüllt.  Nach dem Mittagessen bestand Manfred darauf, sofort nach Maroua, eine Autostunde von Kaele entfernt, aufzubrechen, um das nötige Arbeitsmaterial zu kaufen. Auf diesem Weg erlebten wir die Landschaft einmal bei Tageslicht. Unsere leise Befürchtung traf zu – das Handwerkergeschäft war geschlossen, und so mussten wir die Einkäufe auf dem „Market“ erledigen, was natürlich seinen besonderen Reiz hatte. Wie jeder Bazar besteht auch dieser aus unzähligen schummrigen Buden, überhäuft mit Material aller Art, alles sehr staubig, übereinander und untereinander liegend, die sandigen Wege sind übervölkert, nicht nur mit Händlern und Käufern und Passanten, auch mit Moped- und Fahrradfahrern, hoch mit Waren beladenen zweirädrigen Karren, den so genannten Pousse-Pousse, es hupt, klingelt, überall nicht enden wollendes Palaver in Französisch und Moundang, der hiesigen Landessprache. Manfred zieht mit Nyeyambe von Stand zu Stand, sucht, prüft, kauft, flucht, schwitzt, verhandelt, lässt sich von den Händlern beraten oder weiterführen – keiner von ihnen ist aufdringlich, jeder versucht zu helfen. Der Kauf einer Bohrmaschine war die Krönung – möglich durch eine großzügige Spende von ident.africa.  

Zufrieden, aber völlig staubig und müde erholten wir uns bei einem kühlen Bier im Garten des Hotels Porte Mayo in Maroua, fanden noch ein Internetcafé (das es weder in Kaele noch in Boboyo gibt), um unsere Mails abzuholen, und wieder ging es in tiefer Dunkelheit auf den Heimweg.  Bevor wir uns in unser Zimmer ohne Wasser zurückzogen, führte mich Manfred geheimnisvoll hinter das Hotel, wo er eine kleine Terrasse mit zwei Korbsesseln entdeckt hatte. Hier saßen wir ganz romantisch bei Kerzenlicht und einem Gläschen Whisky bei angenehm warmer Temperatur unter dem herrlichen Sternenhimmel. Das sind dankbare und unvergesslich schöne Momente bei den oft recht anstrengenden Projekten. 

Manfred – ein Mann der Tat! So ging es nicht weiter: ein Zimmer ohne Wasser, das andere ohne funktionierende Klimaanlage. Bei über 30° kann man nicht darauf verzichten. Also packte er sein Werkzeug aus und reparierte zuerst erfolgreich die Klimaanlage, dann den Toilettendeckel und schließlich die Konsole am Waschbecken. Dann zogen wir mit Sack und Pack um und richteten uns auf die vor uns liegenden Wochen ein.  An diesem Tag gewährte uns der König von Boboyo, eine imponierende Persönlichkeit, eine Audienz. Wir trafen ihn vor seinem Anwesen an, wo er bereits auf uns wartete. Er saß auf einem Stuhl, an die blendend weiße Hauswand gelehnt, gekleidet in ein weißes Gewand, mit der landesüblich fein bestickten Kappe auf dem Kopf und einem großen Tuch um den Hals geschlungen. Zwei Stühle wurden vor ihm aufgestellt, auf denen wir Platz nahmen, quer dazu ein Stuhl für Nyeyambe, der beim Übersetzen vom Englischen ins Französische oder Moundang behilflich war. Es stellte sich aber heraus, dass der König sehr wohl Englisch verstand! Er erkundigte sich interessiert nach dem Projekt und versprach Unterstützung, falls es Probleme geben sollte. Damit war die Audienz beendet, und wir wurden in Gnaden entlassen. Es war schon ein besonderes Erlebnis! Schließlich hatten wir noch nie vorher eine Audienz bei einem König! 

Eine Fahrt zum Steinbruch von Boboyo, „Carriere“ genannt, war eine Erholung für Augen und Seele. Hier wurden Granitsteine für den Straßenbau ausgehoben und gebrochen. Dabei entstand ein ca. 10 m tiefer blauer See mit kleinen Inseln und Krokodilen, die wir leider nicht zu Gesicht bekamen. An den Ufern konnten wir Einheimische beobachten beim Angeln, Wäsche oder Schafe waschen.  Rings um den See bizarre Steinanhäufungen, kleine Ansiedlungen, weidende Esel und Ziegen und im Hintergrund das weit sichtbare Kennzeichen, der schwarze Berg von Boboyo.  Eine wunderbar beruhigende Landschaft, in der wir anfangen, uns wohl zu fühlen. Wenn Manfred schon nicht auf den Berg von Boboyo klettern konnte, so startete er am Montag früh um 6 Uhr mit Joggen. Dabei traf er auf eine Gruppe Soldaten und Soldatinnen, dessen Training er sich anschloss. In einem großen Bogen versuchte er danach, zum Hotel zurückzukehren, verlief sich aber hoffnungslos.  Ein zufällig vorbeifahrender Mopedfahrer, den Manfred nach dem Weg fragte, ließ ihn aufsitzen und brachte ihn ins Hotel les Palmiers zurück.   

Frisch gestärkt konnte der erste Arbeitstag beginnen. Wird alles klappen? Wird es Probleme geben? Immer die gleichen Fragen vor einem Projekt. Aber der Tag lief gut an. Der angestellte Maler und Tischler erwies sich von Anfang an als ein Juwel. Er versteht sein Handwerk und beeindruckte Manfred mit seinem Wissen und seinen Vorschlägen zur Renovierung des Gebäudes, in dem der Computerraum eingerichtet werden sollte. In großen Mengen wurden Öl- und Wandfarben eingekauft, dazu das nötige Handwerkszeug. Manfred feilschte heftig mit dem Händler und erreichte schließlich einen Nachlass, der auch bei jedem späteren Einkauf gewährt wurde. Als erstes musste das Dach abgedichtet (ein Wasserschaden war sichtbar), die Decke ausgebessert und rostige Stellen bearbeitet werden, bevor der Innenraum gestrichen werden konnte. Dabei achtete Manfred wie ein Luchs darauf, dass immer eine Unterlage vorhanden sein musste, damit der Boden nicht vollgekleckert wird – er hat da seine Erfahrungen aus anderen Vorhaben!  Auch der Schlosser, der beauftragt war, Verriegelungen zum Anbringen der Fenstergitter anzufertigen, traf pünktlich ein und erntete viel Lob für seine perfekte Arbeit. Nur der Elektriker, der bereits Lohn für die bevorstehende Arbeit erhalten hatte, erschien nicht – er war krank.  

Erst nach heftigem Druck des Headmasters wurde das Stromkabel der Schule an das öffentliche Stromnetz angeschlossen.  Für die Zuleitung musste die Schule einen erheblichen Betrag entrichten. Unangekündigt traf der König von Boboyo an diesem Abend mit dem Principal der Technical Highschool Kaele, Mr. Tchingmbé Gabriel in unserem Hotel ein. Wir erfuhren von dem Plan, in Kaele ein Museum „Village Culturel Moundang“ zu errichten. 

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit unterschiedlichen handwerklichen Tätigkeiten wie Anschluss der Freileitung zur Versorgung des Computerraums, Raumeinteilung für die Computertische, Anbringen von Steckdosen, Besorgung von zusätzlichem Arbeitsmaterial . . . Überall war Manfred vor Ort – auf der Leiter, mit der Bohrmaschine, mit Hammer und Nägeln, improvisierend, anordnend, lobend, tadelnd. Er war so richtig in seinem Element! Aber nicht alles gelang ihm. Als er versuchte, mit einem Moped wegzufahren, würgte er das Fahrzeug wenige Meter später ab. Unter Gelächter der Lehrer und Schüler gab er sein Vorhaben auf – auch per Fahrrad konnte er nicht weiterkommen, denn das hatte einen Platten. Einen kleinen Zwischenfall gab es, der mich richtig erschreckt hat. Ich hatte  den Elektriker beim Erklimmen eines Mastes fotografiert – anschließend kam er zu mir und erklärte mir wortreich (was ich nicht verstand) und mit Gesten, dass ich sein Image gestohlen hätte. Ich war sehr verwirrt und zeigte ihm, dass ich die Fotos vernichten könnte, auf denen er zu sehen war – doch er ließ sich auf keinen Kompromiss ein. Aber Nyeyambe erlöste mich lächelnd (wenn nicht grinsend) aus meiner Misere, indem er dem Elektriker einen Schein in die Tasche steckte, und damit war die Situation gerettet.  

Inzwischen haben wir festgestellt, dass es weit und breit kein Internet gibt, um unsere Mails abzuholen oder unseren Bericht abzuschicken. Das nächste Internetcafé befindet sich in Maroua, 100 km von uns entfernt. Nur in einer Privatbank in Kaele gibt es einen Internetanschluss – und nach einem längeren Gespräch mit dem Direktor erteilte er die Genehmigung, seinen Internetanschluss zu benutzen. So freuen wir uns, dass endlich der erste Bericht von uns aus Kamerun auf den Weg gebracht werden kann. Endlich trafen wir auch Roland Ziebe, den Projektbeauftragten vor Ort, ebenfalls ein „Fils de Boboyo“. Wichtigstes Thema mit ihm war die Herausgabe der Computer aus dem Zoll in Douala.  

Und da haben wir das Problem!!! Die Computer sind noch nicht freigegeben. Es wird ein Schreiben benötigt, in dem bestätigt wird, dass die Computer zur Ausbildung in Schulen verwendet werden sollen. Zum Erhalt dieses Schreibens mit Unterschrift sind inzwischen viele Hebel in Bewegung gesetzt – viele Steine liegen am Weg. Der Delegierte in Maroua wurde eingeschaltet, ebenso wie die Deutsche Botschaft in Jounde, Fred-Eric Essam in Deutschland – zuletzt der District Officer von Kaele. Jetzt können wir nur noch beten, dass ein Weg zum Erfolg, das heißt zur Auslieferung der Computer aus dem Zoll, führt.

Kamerun Projekt November/Dezember 2008

Am 15. November starte ich mein fünftes Projekt in Westafrika. Nach Ghana im März und September, Sierra Leone im November 2007 und März dieses Jahres steht ein Projekt im Norden Kameruns und zwar in Boboyo und Kaele auf unserem Programm. Hela wird, wie auch in Ghana, das Projekt mit diesem Blog begleiten.

Meine Aufgabe ist es, mit den örtlichen Lehrern in dem kleinen Dorf Boboyo ein Computerkabinett mit 15 Computern einzurichten. In Kaele gibt es ein Gymnasium, bis zur 12. Klasse. Dort werde ich ebenfalls eine Computerklasse einrichten. Daran schließt dann die Ausbildung der Lehrer an. Bei den Computern handelt es sich um eine Spende der Firma Interglas, die von mir aufgearbeitet wurden.

Das Projekt wird vom Verein Identafrika in Köln, der deutschen Entwicklungshilfe  und dem Senior Expertenservice Bonn unterstützt und finanziert.

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