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Archive für 13.12.2008
Die vierte Woche in Boboyo
13.12.2008 von admin.
Kamerun Teil 4 – Donnerstag, 11. Dezember 2008
Ein afrikanisches Sprichwort heißt: Von nichts gibt es so viel wie von der Zeit, denn es kommt immer noch mehr Zeit. Ein anderes Sprichwort besagt: Der Europäer hat die Uhr und der Afrikaner hat die Zeit.
Das trifft genau auf uns und das Projekt zu!
Das Projekt muss unterbrochen werden. Die Computer sind immer noch in Douala. Inzwischen hat CODEBO einen Geldbetrag für Zoll, Lagerung und Transport zur Verfügung gestellt, und wenn jetzt alles glatt über die Bühne geht, werden die Computer nächste Woche hier in Kaele und Boboyo eintreffen – zu spät für uns – unser Flug geht am nächsten Dienstag zurück. Installation und Schulung müssen auf Anfang nächsten Jahres verschoben werden.
Jetzt muss ich von Joseph erzählen. Joseph ist 31 Jahre alt, arbeitet hier im Hotel, spricht recht gut Englisch und nutzt jede freie Minute, um sich mit uns zu unterhalten. Er wohnt in einem kleinen Dorf, eine Stunde Fußmarsch vom Hotel entfernt, den er Tag für Tag zu Fuß zurücklegt, bei Tag und bei Nacht. Für uns kaum zu glauben, aber es gibt auch Schüler, die jeden Tag 10 km und mehr zu Fuß durch den Busch laufen, um die Secondary School in Boboyo oder das Lycee in Kaele zu besuchen! Doch zurück zu Joseph. Er stammt aus einem Clan mit vielen Familienangehörigen. Anscheinend hat er zuhause viel von uns erzählt, denn eines Tages überbrachte er uns eine Einladung seiner Mutter, die Familie zu besuchen, alle waren neugierig auf uns und wollten uns kennen lernen. So eine Einladung darf man auf keinen Fall ablehnen, das gilt als grobe Unhöflichkeit.
Mit Nyeyambe fuhren wir in das kleine Dorf, betraten den Compound und wurden überschwänglich zuerst von der alten Mutter, dann von den übrigen Familienangehörigen begrüßt, umarmt, geküsst. Immer mehr Tanten, Onkel, Schwestern, Brüder gesellten sich in unsere Runde, während die Kinder in Grüppchen im Hintergrund blieben und verschämt kicherten. Dicht gedrängt auf Bänkchen hockend oder auf Matten auf dem Boden sitzend, wurde erzählt, gefragt und viel gelacht. Und natürlich wurden wir auch zum Essen eingeladen. Zuerst Händewaschen und dann wurden die Deckel gelüftet mit Josephs Worten (in Englisch): Dies ist ein Gericht, das meine Mutter für Sie gekocht hat, so, wie wir es in den Villages essen. Wir können es uns nicht erlauben, jeden Tag Fleisch zu essen – guten Appetit. Das Essen war nur für uns beide und für Nyeyambe zubereitet – alle anderen sahen uns beim Essen zu. Es gab Couscous mit Soße, hergestellt aus Okraschoten und getrocknetem Fisch. Und diese Soße bewirkte, dass mein Magen von unten nach oben hüpfte und wieder zurück. Von einer weiteren Beschreibung will ich absehen. Manfred, der schon von Sierra Leone ungewohnt schmeckendes Essen kannte, aß tapfer seinen Teller leer – und ich schaffte es dann auch irgendwie. Es gab noch einen Schluck roten Wein, und ich beglückte die dankbare Mutter mit einem schönen Stück Seife von zuhause.
Und wie es üblich ist, bekamen auch wir Gastgeschenke – aber von ganz anderer Art. Die Familie schenkte uns von dem, was sie geben konnte: ein lebendiges Schaf und ein lebendiges Huhn! Wir konnten es nicht glauben, waren total sprachlos – wohin damit? – ablehnen war unmöglich. Also wurde das Schaf in den Kofferraum von Nyeyambes Auto verfrachtet, das Huhn dazu, und unter vielen Umarmungen und Dankbarkeitsbezeugungen nahmen wir Abschied.
Vorher durften wir noch die schlichte Hütte der Mutter betreten und bekamen das erste Mal einen Einblick in das genügsame Leben innerhalb der Lehmmauern. Josephs Hütte stand außerhalb des Familienquartiers. Wenn ein Mann 20 ist, muss er seine eigene Hütte bauen und kann seine eigene Familie gründen – mit ein, zwei oder mehr Frauen. Je mehr Frauen und Kinder ein Mann hat, desto angesehener ist er.
Die ganze Fahrt über hat Nyeyambe über uns gelacht und vorgeschlagen, Manfred solle unser Schaf die nächsten Tage auf die Weide führen, wie es die anderen Dorfbewohner mit ihren Tieren auch tun, und ich solle für das Schaf am Brunnen Wasser schöpfen. Mit dem Huhn wäre es einfacher, das kommt gleich in den Topf! Das Schaf wird jetzt bei Nyeyambe versorgt, zum Abschied haben wir es mit Hirse gefüttert und gestreichelt.
Wie wir erfuhren, war es für Josephs Familie eine große Ehre, dass wir als Weiße Gäste bei ihnen waren, das hebt das Ansehen der Familie im ganzen Dorf.
Montag war ein islamischer Feiertag, die Schulen waren geschlossen, und Nyeyambe hat uns seinen ganzen freien Tag gewidmet. Vor zwei Jahren hat er angefangen, außerhalb von Kaele ein Haus zu bauen und einen Mangobaum zu pflanzen. Bei der Besichtigung lernten wir auch gleich seine Nachbarn kennen und wieder beobachteten wir, dass gerade die kleinen Kinder Abstand von uns nahmen. Das erinnert mich an eine Begebenheit in Hause von Roland in Maroua. Eine Freundin kam mit ihren beiden Kindern zu Besuch. Die ganze Zeit starrte uns das kleinste Mädchen aus angstgeweiteten Augen an und weinte bitterlich, war gar nicht zu beruhigen. Es hatte eine unheimliche Furcht vor uns, hatte noch nie vorher weiße Menschen zu Gesicht bekommen.
An diesem Tag zeigte uns Nyeyambe die wunderbare weite Busch- und Felslandschaft und die vielen Dörfer rund um den Berg von Boboyo. Das Dorf Midjivin ist das Dorf seiner Eltern, dort war er vor etlichen Jahren Headmaster und hat vor der Schule viele Bäumchen pflanzen lassen, die inzwischen eine beträchtliche Höhe erreicht haben. Von seinem Freund und jetzigen König von Midjivin wurden wir gastfreundlich empfangen und zum Essen eingeladen. Reis und Rindfleisch mit Soße waren eine bekömmliche Speise. Und noch einmal mussten wir zugreifen: in dem Dorf Bololo ließ der Chief – wiederum ein alter Freund von Nyeyambe – gegrilltes Schaffleisch mit Chili servieren, dazu starken, süßen Tee. Dieser so erlebnisreiche Tag endete allerdings damit, dass Manfred und ich mächtige Bauchkrämpfe bekamen und eine bewegte Nacht vor uns hatten! Am nächsten Tag war alles überstanden – wir hatten schließlich die richtigen Medikamente mitgenommen.
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