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Die dritte Woche in Boboyo
Kamerun Teil 3 – Freitag, 5. Dezember 2008
Immer den Berg von Boboyo vor Augen, setzte Manfred endlich seinen geheimen Wunsch in die Tat um. Einen Berg zu betrachten, reicht nicht, man muss ihn besteigen – auch wenn es im heißen Kamerun ist. Es bedurfte dann auch einiger Überredungskünste, zuerst Nyeyambe und dann den Sportlehrer Jeremy zu dem Unternehmen zu bewegen. In aller Herrgottsfrühe machte sich die kleine Gruppe auf den Weg, zu der sich noch freiwillig ein Freund von Jeremy und ein kleiner flinker Junge aus dem Dorf gesellten – ich blieb freiwillig im Hotel zurück. Der Aufstieg war beschwerlich, stellenweise dornig und so zugewachsen, dass ein Weiterkommen nur mit Hilfe von Macheten möglich war. Raues Felsgestein musste überwunden, lange steile Platten erklommen werden, die Sonne brannte erbarmungslos – doch dann der beglückende Moment beim Erreichen des Ziels und der Blick über die endlose Savanne. Erhitzt, erschöpft, hungrig, mit aufgeritzten Armen und Beinen – aber stolz und glücklich kamen die Wanderer heim.
Was ist passiert – warum sehen wir überall Gendarmerie und Soldaten mit Gewehren – sogar in unserem Hotel? Wir sind ein wenig beunruhigt. Wir erfahren, dass sich nördlich von Kaele im Buschland Diebe (vermutet wird aus dem Tschad) herumtreiben, die Kinder von Bauern, die Vieh besitzen, entführen und anschließend Lösegeld erpressen. Bei einer Razzia der Gendarmerie wurde der Gendarmerie-Oberst ermordet, jetzt ist man auf der Suche nach den Mördern.
Noch keine Freigabe beim Zoll . . . .
Am Sonntag, 30. November, beschließen wir, nach Maroua und in den Waza-Nationalpark zu fahren. Kaum sitzen wir im Auto von Nyeyambe, der uns nach Maroua fährt, als Manfred vergnügt ausruft: Wir haben Urlaub! Wir genießen die Fahrt. Ausläufer der Mandara-Berge an der Grenze zu Nigeria zeigen bizarre Gesteinsformationen, terrassenförmig bebaute Hänge, erodiertes Vulkangestein. Immer wieder tauchen Rundhüttendörfer auf, von Lehmmauern umgeben. Ziegen- und Schafherden suchen Nahrung auf den trockenen Feldern, Frauen tragen riesige Bündel Holz auf ihren Köpfen in die Hütten, Kinder pumpen Wasser und schleppen schwere Kanister nach Hause. An den Straßenrändern herrscht Leben und Treiben, wird Gemüse und Obst angeboten, Handys werden aufgeladen, Autos und Fahrräder repariert. Der Fahrtwind trocknet die Augen aus, es ist heiß, die Sonne brennt auf Gesicht und Armen.
Wir erreichen Maroua, das Herz des Nordens, die drittgrößte Stadt Kameruns nach Douala und Jaounde. Maroua liegt an den Ausläufern der Mandara-Berge und an beiden Ufern des Mayo Kaliao. Zurzeit ist er ein breites sandiges Flussbett, nur wenige Rinnsale sind sichtbar. Frauen schöpfen Eimer und Schüsseln voll und balancieren sie – natürlich auf den Köpfen – nach Hause oder sie waschen ihre Wäsche dort gleich aus und lassen sie auf dem heißen Sand trocknen. Rinder und Ziegen werden von Hirten über das Flussbett getrieben. Die meisten Verkehrswege in Maroua sind nicht geteert, Autos und Mofas wirbeln den ganzen Tag Staub auf, vermischt mit Smog, der das Atmen erschwert und den Hustenreiz fördert. Es herrscht eine heiße trockene Hitze. Wohltuend dagegen sind die schattigen Alleen mit riesigen Neembäumen und Akazien. An riesige Verwaltungsgebäude schließen sich von Mauern umgebende Lehmhütten an, Handwerksbetriebe säumen die Straßenränder, das Leben spielt sich auch hier auf der Straße ab – nicht zu übersehen sind hier die vielen armselig gekleideten Menschen, schmutzig, zerlumpt, bettelnd. Dieses unüberschaubare Treiben macht uns benommen, erscheint fast unwirklich, fasziniert, verwirrt, lässt uns staunen, erzählt aus einer anderen Welt, auf die wir uns immer wieder neu einlassen und auch einlassen müssen.
In Maroua treffen wir Roland, Dr. Roland Ziebe, Veterinär, mit Projekten an der Uni beschäftigt, Vorsitzender von CODEBO, dem Committee Development Boboyo. Er wohnt mit seiner jungen Frau Doudou Florentine und seiner fast zweijährigen Tochter Didja Aurose am Stadtrand von Maroua in einer wunderschönen großen Rundhütte, umgeben von Mango-, Papaya- und Mandarinenbäumen und blühenden Sträuchern – ein kleines Paradies. Er wird in den nächsten Tagen unser ständiger und fürsorglicher Begleiter sein. Untergebracht sind wir im Hotel Fety, das Zimmer ist einfach, das Bett sauber. Sehr störend jedoch in den Nächten die Hellhörigkeit – Fernseher und Radios laufen die ganze Nacht lang.
Schreck in der Abendstunde. Als wir mit Rolands Auto zum Essen fahren wollten, hatte es einen „Platten“. Wir mussten also zu Fuß gehen, derweil der Reifen ausgewechselt wurde. „Ist ja nur um die Ecke!“ Ich hatte das Gefühl, es seien mindestens 10 km, die wir auf den holprigen Wegen im Stockdunklen zurücklegen mussten, und ich hatte Angst, in ein Loch oder in einen Graben zu fallen! (Wäre ja nicht das erste Mal!) Zum Glück hatte ich eine Taschenlampe dabei.
Roland und Doudou führten uns in eine schummrige Kneipe am Straßenrand – nie im Leben wäre ich dort allein hineingegangen – und bekamen dort den leckersten Fisch serviert, frisch gegrillt, gut gewürzt, mit Salat (den wir jedoch gemieden haben), Maniok oder Casava genannt (ein Knollengewächs) und gebackenen Gemüsebananen, dazu Chili-Soße und Gemüsepesto. Und jetzt konnte auch Manfred nicht ausbüxen – es wurde mit den Fingern gegessen, Messer und Gabel gab es einfach nicht! Und wie es ihm geschmeckt hat! Die Fische werden frisch aus dem Magasee angeliefert und vor Ort auf dem Grill zubereitet.
Auf der Heimfahrt gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Rolands Papiere wurden eingehend kontrolliert, auch wir mussten uns ausweisen. Wir wussten, dass man immer Ausweispapiere bei sich haben muss, es würde aber ein Personalausweis genügen, den Pass sollte man der Vorsicht halber lieber an einem sicheren Ort deponieren. Da sind wir aber an den Falschen geraten! Sehr ernst und düster dreinblickend wollte er unsere Personalausweise nicht anerkennen und unterzog uns beim Schein einer Taschenlampe einem längeren Verhör. Uns war recht mulmig zu Mute. Doch nachdem er sich mit seinem Chef beraten hatte, ließ man uns passieren.
Natürlich ließen wir auch hier in Maroua das Projekt nicht aus den Augen. Hilfe erhofften wir uns von Rolands Hausnachbarn, Hon. Amadou Adji, Vice-Chairman of the Committee on Education, Vocational Training and Youth. Er gewährte uns eine Audienz von bleibender Erinnerung. Schon das Äußere seiner Erscheinung ließ einen Mann von hohem Ansehen erkennen, groß, gut aussehend, würdevoll, höflich, mit einem prachtvollen Gewand. Er ließ starken gesüßten Kaffee bringen, den er uns selbst servierte. Der große Raum war angenehm kühl, mit vielen Teppichen ausgelegt – die Schuhe ließen wir an der Tür stehen, wie es die Sitte erfordert –, die Fenster mit bis zum Boden fallenden Vorhängen verdeckt. Ich versank geradezu in den tiefen Sesseln – und mich befiel ein Gefühl der Traumhaftigkeit – sitze ich wirklich im Haus eines begüterten Moslems, der sich für uns Zeit nimmt, seine Freunde warten lässt, mit denen er um seine dritte und jüngste Frau trauert, die vor ein paar Tagen gestorben war. . .
Roland erklärte dem äußerst interessierten Mr. Amadou Adji das Projekt in den Schulen von Boboyo und Kaele von SES, ident.africa und CODEBO, versprach Unterstützung für die Herausgabe der Computer beim Zoll und wünschte sogleich ein weiteres Projekt für die Schulen hier in Maroua – er könne 200 Computer gebrauchen!
Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir, wie die schulische Situation in anderen Dörfern und Städten dieses Landes ist. Nicht 80 Schüler – wie in Boboyo – sitzen hier in einer Klasse, sondern bis zu 240, die von nur einem Lehrer unterrichtet werden. Auch in Boboyo gibt es für die insgesamt ca. 400 Schülerinnen und Schüler nur zwei Lehrer von der Regierung, die anderen sieben Lehrer werden von ident.africa und von den Eltern bezahlt! Es gibt Schulen, die weder Tische noch Bänke haben – und die Regierung ist nicht imstande (oder nicht interessiert?), dieses Problem zu lösen. Natürlich stehen Gelder für Education zur Verfügung – doch in welche Kanäle sickern sie? Hier muss noch viel Arbeit geleistet werden!
Durch die Vermittlung von Mr. Amadou Adji kommen wir endlich an die richtige Adresse, zu dem Chef der Zollinspektion in Maroua, einem älteren, stattlichen, starke Autorität ausstrahlenden Mann mit grauen Haaren und grauen Bart und einer tiefen, wohltönenden Stimme. Er setzt sich sofort mit dem Zoll in Douala in Verbindung, um (wieder einmal!) zu erklären, dass es sich um gebrauchte Computer für Schulen handelt. Ohne Umschweife erklärt er uns die Schwierigkeiten, über die wir immer wieder stolpern. Er macht klar, dass Zoll gezahlt werden muss, wie alles, was in das Land eingeführt wird. Eine Zusage des Ministers für Educatiion wird nichtig, wenn nicht der Minister der Finanzen zustimmt. Und das ist ein langwieriger Prozess! Mit Mr. Essam wird vereinbart, das Geld für den Zoll zur Verfügung zu stellen, um endlich zu einer Lösung zu kommen.
Bevor wir Maroua verlassen, versäumen wir nicht, das Zentrum für Kunsthandwerk zu besichtigen. Leider waren die Werkstätten geschlossen, so dass wir die Handwerker nicht bei ihrer Arbeit beobachten konnten.
Unserer Weiterfahrt in den Waza-Nationalpark stand nun nichts mehr im Wege.
In einem Land Cruiser mit dem tollkühnen Fahrer Hamidou der Universität und Roland ging die Fahrt über eine Asphaltstraße Richtung Norden nach Mora, einer langgestreckten Stadt mit schattigen Alleen aus Neembäumen. Die Häuser sind hier viereckig, meist mit Wellblech abgedeckt und von kleinen Lehmmauern umgeben – im Gegensatz zu den Rundhütten in Boboyo, unserem Lieblingsdorf, die mit Stroh bedeckt sind. Die Landschaft wird jetzt flach, nur noch von einzelnen Felsbrocken unterbrochen, weit breitet sich eine Busch- und Steppenlandschaft aus.
Der Waza-Nationalpark ist der bekannteste und tierreichste Nationalpark Kameruns mit einer Fläche von 170.000 ha. Mit zwei Wissenschaftlern gehen wir auf Safari: Roland natürlich – er hat hier bereits ein Projekt durchgeführt, bei dem mit Hilfe von eingesetzten Chips bei Löwen per GPS deren Wege erkundet werden können (notwendig, weil die Löwen in der großen Trockenzeit bis in die Dörfer kommen und das Vieh reißen). Sein jetziges Projekt hat zum Ziel, die Fischbestände in den Teichen und Seen in der Trockenzeit zu sichern. 1/3 des Parks besteht aus Sumpfgebiet, das im Laufe der Trockenzeit austrocknet und nur einige Wassertümpel zurücklässt. Es wurden Brunnen gebohrt, um mit Hilfe von mobilen Pumpen den Wasserstand zu regulieren und damit das Leben der Fische zu erhalten. Ein weiterer Schritt soll die Vermarktung der Fische sein, um eine Einkunftsquelle für die Bevölkerung zu ermöglichen. Der andere Wissenschaftler, Francois aus Montpellier in Frankreich, arbeitet in einem Team, das die Wasservorkommen in Kamerun dokumentiert. Wir haben uns also in interessanter Begleitung befunden! Wenn wir auch keine Elefanten und Löwen zu Gesicht bekamen, konnten wir doch Giraffen beobachten, Strauße, Antilopen, Wildschweine, Mangouste (ich kenne den deutschen Namen dafür nicht, sehen aus wie riesige Ratten), Affen, Hyänen, Perlhühner und eine Anzahl Vögel, allen voran die quirligen zwitschernden Schwärme von Webervögeln. Manfred schenkte mir ein Sträußchen mit lila Sumpfblüten und trockenen Grashalmen – wir hatten Hochzeitstag! Vor 37 Jahren haben wir am 3. Dezember in Sambia in Afrika geheiratet!
Im Campement de Waza, am Hang gebaut, übernachteten wir in einem gemauerten, mit einem Strohdach versehenen Rundhütten-Bungalow und genossen die Weite und die Stille dieser Ebene.
Bei einem Gang durch das kleine Dorf Waza verfolgten uns tausend Blicke, teils freundlich lächelnd, grüßend, teils ernst und skeptisch. Die Kinder eilten auf uns zu und fragten nach „Cadeau“, waren aber nicht aufdringlich. Am Straßenrand lagen riesige, übermäßig beladene Laster, an denen vor der Weiterfahrt in den Tschad Reifenwechsel und letzte Reparaturen vorgenommen wurden. In dem Restaurant „Chez Alwine“ am Ausgang des Dorfes kehrten wir ein, es gab wieder einen lecker zubereiteten Fisch mit Gemüse und Kartoffeln.
Hier fanden wir uns auch am nächsten Morgen mit Sack und Pack wieder ein, um mit einem öffentlichen Kleinbus zurück nach Maroua zu fahren. Dieses Abenteuer hatte uns ja noch gefehlt. Man wartet an der Straße auf den Transport, und wenn man Glück hat, gibt es freie Plätze. Wir mussten fast drei Stunden warten, bis wir mitgenommen wurden und uns als letzte in den kleinen Bus zwängen konnten. Bei den Ausweichmanövern wegen der vielen Schlaglöcher auf die sandigen Seitenstreifen geriet der hoch beladene Bus in bedenkliche Schieflagen. Eine Fahrt durch ein ausgetrocknetes Flussbett wurde dank des kundigen Fahrers gut gemeistert. Ich habe mich über mich selbst gewundert, dass ich die fast 3-stündige Fahrt ohne Bewegungsfreiheit unbeschadet überstanden habe!
In Maroua wollten wir uns mit Roland treffen, der aber nicht zu erreichen war. So schlugen wir uns zum Busbahnhof durch und setzten unsere Fahrt – wieder mit einem öffentlichen Bus, wieder eingequetscht mit den anderen Reisenden – bis nach Kaele fort, wo wir nach fast zwei Stunden Fahrt glücklich und staubig und hungrig in „unserem“ Hotel les Palmiers landeten.
9.12.2008 bei 18:41
Hallo Hela, Hallo Manfred,
nachdem am Sonntag mit dem Weihnachtsoratorium für mich die Adventszeit so richtig begonnen hat, möchte ich Euch liebe Grüße nach Kamerun schicken, wo es mir wahrscheinlich jetzt zu heiß wäre - schon gar für Bergbesteigungen.
Ich freue mich darauf, wenn Ihr wieder hier seid und werde gespannt den Erzählungen lauschen.
Liebe Grüße, Axel.