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Archive für Dezember 2008
Schluß und letzte Woche in Kamerun
20.12.2008 von admin.
Kamerun Teil 5 – Dienstag, 16. Dezember 2008
Wir sind unendlich traurig, dass das Ziel dieses Projekts – ein Pilotprojekt für Kamerun - nicht erreicht werden konnte. Bis zum Schluss hat Manfred Druck gemacht, Gespräche geführt, ist am letzten Tag in Douala persönlich zur Agency und zum Zoll gefahren, hat sich mit dem Beauftragten von CODEBO, Mr. Elias Beidi, kurz vor unserem Abflug getroffen und letzte Absprachen besprochen. Alle Beteiligten sind sich einig, dass das Vorhaben zu Ende geführt werden muss – dass heißt, dass Manfred Anfang nächsten Jahres wieder nach Kamerun reisen wird.
Vier Wochen haben wir in Kaele und Boboyo verbracht, und beim Zelte abbrechen haben wir gemerkt, dass wir in der Zeit viele Freunde gewonnen haben – unsere beiden fürsorglichen Headmaster mit ihren Familien, Dr. Roland Ziebe mit seiner gastfreundlichen Familie, die Hotelangestellten, besonders Josef, den Direktor der Bank, der uns den Zugang zum Internet ermöglicht hat und nicht zu vergessen Solange, die uns in ihrem Circuit mit landesüblicher Küche versorgt hat.
Im Haus von Elias Wassou gab es das leckerste Essen zu unserem Abschied in großer Runde – und da beschlich uns doch ein wenig Wehmut, dass eine erlebnisreiche Zeit mit allen Höhen und Tiefen zu Ende gegangen ist.
Am Samstag bestiegen wir den Flieger von Maroua nach Douala, nicht um 14.30 Uhr wie angekündigt, nicht um 15.00 Uhr wie angeschlagen, sondern bereits um 14.00 Uhr – wie gut, dass wir frühzeitig am Flughafen waren! So hatten wir die Hoffnung, dass wir unser letztes Ziel im Hellen erreichen würden: Limbe in der englischsprachigen Provinz South West.
Doch weit gefehlt. Wir gerieten in das größte Verkehrschaos, das ich je erlebt habe. Unser zum Glück sehr besonnener, wenn auch wortkarger Taxifahrer brauchte zwei Stunden, um erst einmal aus Douala heraus zu kommen, und dann noch einmal zwei Stunden, um unser Ziel zu erreichen. Es ist eine berüchtigte Strecke, besonders in der Dunkelheit, und unserer Fahrer bat uns, die Türen zu verriegeln, um uns vor eventuellen Überfällen zu schützen. Die wunderbare üppig grüne Landschaft konnten wir erst bei der Rückfahrt bewundern mit ihren riesigen Plantagen: Kautschuk, Ölpalmen und Bananen.
Zwei Tage verbrachten wir in dem idyllischen Badeort Limbe, direkt am Atlantik und am Fuße des immer noch aktiven Vulkans Mt. Cameroon – auf der einen Seite bewaldete Hügel, auf der anderen der Ozean. Mit dem größten Vergnügen und großer Ausdauer hat sich Manfred in die Wellen gestürzt, während ich Spaziergänge am Strand mit dem schokoladenbraunen vulkanischen Sand bevorzugt habe. Ein schöner Abschluss nach einem aufregenden Projekt!!!
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Die vierte Woche in Boboyo
13.12.2008 von admin.
Kamerun Teil 4 – Donnerstag, 11. Dezember 2008
Ein afrikanisches Sprichwort heißt: Von nichts gibt es so viel wie von der Zeit, denn es kommt immer noch mehr Zeit. Ein anderes Sprichwort besagt: Der Europäer hat die Uhr und der Afrikaner hat die Zeit.
Das trifft genau auf uns und das Projekt zu!
Das Projekt muss unterbrochen werden. Die Computer sind immer noch in Douala. Inzwischen hat CODEBO einen Geldbetrag für Zoll, Lagerung und Transport zur Verfügung gestellt, und wenn jetzt alles glatt über die Bühne geht, werden die Computer nächste Woche hier in Kaele und Boboyo eintreffen – zu spät für uns – unser Flug geht am nächsten Dienstag zurück. Installation und Schulung müssen auf Anfang nächsten Jahres verschoben werden.
Jetzt muss ich von Joseph erzählen. Joseph ist 31 Jahre alt, arbeitet hier im Hotel, spricht recht gut Englisch und nutzt jede freie Minute, um sich mit uns zu unterhalten. Er wohnt in einem kleinen Dorf, eine Stunde Fußmarsch vom Hotel entfernt, den er Tag für Tag zu Fuß zurücklegt, bei Tag und bei Nacht. Für uns kaum zu glauben, aber es gibt auch Schüler, die jeden Tag 10 km und mehr zu Fuß durch den Busch laufen, um die Secondary School in Boboyo oder das Lycee in Kaele zu besuchen! Doch zurück zu Joseph. Er stammt aus einem Clan mit vielen Familienangehörigen. Anscheinend hat er zuhause viel von uns erzählt, denn eines Tages überbrachte er uns eine Einladung seiner Mutter, die Familie zu besuchen, alle waren neugierig auf uns und wollten uns kennen lernen. So eine Einladung darf man auf keinen Fall ablehnen, das gilt als grobe Unhöflichkeit.
Mit Nyeyambe fuhren wir in das kleine Dorf, betraten den Compound und wurden überschwänglich zuerst von der alten Mutter, dann von den übrigen Familienangehörigen begrüßt, umarmt, geküsst. Immer mehr Tanten, Onkel, Schwestern, Brüder gesellten sich in unsere Runde, während die Kinder in Grüppchen im Hintergrund blieben und verschämt kicherten. Dicht gedrängt auf Bänkchen hockend oder auf Matten auf dem Boden sitzend, wurde erzählt, gefragt und viel gelacht. Und natürlich wurden wir auch zum Essen eingeladen. Zuerst Händewaschen und dann wurden die Deckel gelüftet mit Josephs Worten (in Englisch): Dies ist ein Gericht, das meine Mutter für Sie gekocht hat, so, wie wir es in den Villages essen. Wir können es uns nicht erlauben, jeden Tag Fleisch zu essen – guten Appetit. Das Essen war nur für uns beide und für Nyeyambe zubereitet – alle anderen sahen uns beim Essen zu. Es gab Couscous mit Soße, hergestellt aus Okraschoten und getrocknetem Fisch. Und diese Soße bewirkte, dass mein Magen von unten nach oben hüpfte und wieder zurück. Von einer weiteren Beschreibung will ich absehen. Manfred, der schon von Sierra Leone ungewohnt schmeckendes Essen kannte, aß tapfer seinen Teller leer – und ich schaffte es dann auch irgendwie. Es gab noch einen Schluck roten Wein, und ich beglückte die dankbare Mutter mit einem schönen Stück Seife von zuhause.
Und wie es üblich ist, bekamen auch wir Gastgeschenke – aber von ganz anderer Art. Die Familie schenkte uns von dem, was sie geben konnte: ein lebendiges Schaf und ein lebendiges Huhn! Wir konnten es nicht glauben, waren total sprachlos – wohin damit? – ablehnen war unmöglich. Also wurde das Schaf in den Kofferraum von Nyeyambes Auto verfrachtet, das Huhn dazu, und unter vielen Umarmungen und Dankbarkeitsbezeugungen nahmen wir Abschied.
Vorher durften wir noch die schlichte Hütte der Mutter betreten und bekamen das erste Mal einen Einblick in das genügsame Leben innerhalb der Lehmmauern. Josephs Hütte stand außerhalb des Familienquartiers. Wenn ein Mann 20 ist, muss er seine eigene Hütte bauen und kann seine eigene Familie gründen – mit ein, zwei oder mehr Frauen. Je mehr Frauen und Kinder ein Mann hat, desto angesehener ist er.
Die ganze Fahrt über hat Nyeyambe über uns gelacht und vorgeschlagen, Manfred solle unser Schaf die nächsten Tage auf die Weide führen, wie es die anderen Dorfbewohner mit ihren Tieren auch tun, und ich solle für das Schaf am Brunnen Wasser schöpfen. Mit dem Huhn wäre es einfacher, das kommt gleich in den Topf! Das Schaf wird jetzt bei Nyeyambe versorgt, zum Abschied haben wir es mit Hirse gefüttert und gestreichelt.
Wie wir erfuhren, war es für Josephs Familie eine große Ehre, dass wir als Weiße Gäste bei ihnen waren, das hebt das Ansehen der Familie im ganzen Dorf.
Montag war ein islamischer Feiertag, die Schulen waren geschlossen, und Nyeyambe hat uns seinen ganzen freien Tag gewidmet. Vor zwei Jahren hat er angefangen, außerhalb von Kaele ein Haus zu bauen und einen Mangobaum zu pflanzen. Bei der Besichtigung lernten wir auch gleich seine Nachbarn kennen und wieder beobachteten wir, dass gerade die kleinen Kinder Abstand von uns nahmen. Das erinnert mich an eine Begebenheit in Hause von Roland in Maroua. Eine Freundin kam mit ihren beiden Kindern zu Besuch. Die ganze Zeit starrte uns das kleinste Mädchen aus angstgeweiteten Augen an und weinte bitterlich, war gar nicht zu beruhigen. Es hatte eine unheimliche Furcht vor uns, hatte noch nie vorher weiße Menschen zu Gesicht bekommen.
An diesem Tag zeigte uns Nyeyambe die wunderbare weite Busch- und Felslandschaft und die vielen Dörfer rund um den Berg von Boboyo. Das Dorf Midjivin ist das Dorf seiner Eltern, dort war er vor etlichen Jahren Headmaster und hat vor der Schule viele Bäumchen pflanzen lassen, die inzwischen eine beträchtliche Höhe erreicht haben. Von seinem Freund und jetzigen König von Midjivin wurden wir gastfreundlich empfangen und zum Essen eingeladen. Reis und Rindfleisch mit Soße waren eine bekömmliche Speise. Und noch einmal mussten wir zugreifen: in dem Dorf Bololo ließ der Chief – wiederum ein alter Freund von Nyeyambe – gegrilltes Schaffleisch mit Chili servieren, dazu starken, süßen Tee. Dieser so erlebnisreiche Tag endete allerdings damit, dass Manfred und ich mächtige Bauchkrämpfe bekamen und eine bewegte Nacht vor uns hatten! Am nächsten Tag war alles überstanden – wir hatten schließlich die richtigen Medikamente mitgenommen.
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Die dritte Woche in Boboyo
9.12.2008 von admin.
Kamerun Teil 3 – Freitag, 5. Dezember 2008
Immer den Berg von Boboyo vor Augen, setzte Manfred endlich seinen geheimen Wunsch in die Tat um. Einen Berg zu betrachten, reicht nicht, man muss ihn besteigen – auch wenn es im heißen Kamerun ist. Es bedurfte dann auch einiger Überredungskünste, zuerst Nyeyambe und dann den Sportlehrer Jeremy zu dem Unternehmen zu bewegen. In aller Herrgottsfrühe machte sich die kleine Gruppe auf den Weg, zu der sich noch freiwillig ein Freund von Jeremy und ein kleiner flinker Junge aus dem Dorf gesellten – ich blieb freiwillig im Hotel zurück. Der Aufstieg war beschwerlich, stellenweise dornig und so zugewachsen, dass ein Weiterkommen nur mit Hilfe von Macheten möglich war. Raues Felsgestein musste überwunden, lange steile Platten erklommen werden, die Sonne brannte erbarmungslos – doch dann der beglückende Moment beim Erreichen des Ziels und der Blick über die endlose Savanne. Erhitzt, erschöpft, hungrig, mit aufgeritzten Armen und Beinen – aber stolz und glücklich kamen die Wanderer heim.
Was ist passiert – warum sehen wir überall Gendarmerie und Soldaten mit Gewehren – sogar in unserem Hotel? Wir sind ein wenig beunruhigt. Wir erfahren, dass sich nördlich von Kaele im Buschland Diebe (vermutet wird aus dem Tschad) herumtreiben, die Kinder von Bauern, die Vieh besitzen, entführen und anschließend Lösegeld erpressen. Bei einer Razzia der Gendarmerie wurde der Gendarmerie-Oberst ermordet, jetzt ist man auf der Suche nach den Mördern.
Noch keine Freigabe beim Zoll . . . .
Am Sonntag, 30. November, beschließen wir, nach Maroua und in den Waza-Nationalpark zu fahren. Kaum sitzen wir im Auto von Nyeyambe, der uns nach Maroua fährt, als Manfred vergnügt ausruft: Wir haben Urlaub! Wir genießen die Fahrt. Ausläufer der Mandara-Berge an der Grenze zu Nigeria zeigen bizarre Gesteinsformationen, terrassenförmig bebaute Hänge, erodiertes Vulkangestein. Immer wieder tauchen Rundhüttendörfer auf, von Lehmmauern umgeben. Ziegen- und Schafherden suchen Nahrung auf den trockenen Feldern, Frauen tragen riesige Bündel Holz auf ihren Köpfen in die Hütten, Kinder pumpen Wasser und schleppen schwere Kanister nach Hause. An den Straßenrändern herrscht Leben und Treiben, wird Gemüse und Obst angeboten, Handys werden aufgeladen, Autos und Fahrräder repariert. Der Fahrtwind trocknet die Augen aus, es ist heiß, die Sonne brennt auf Gesicht und Armen.
Wir erreichen Maroua, das Herz des Nordens, die drittgrößte Stadt Kameruns nach Douala und Jaounde. Maroua liegt an den Ausläufern der Mandara-Berge und an beiden Ufern des Mayo Kaliao. Zurzeit ist er ein breites sandiges Flussbett, nur wenige Rinnsale sind sichtbar. Frauen schöpfen Eimer und Schüsseln voll und balancieren sie – natürlich auf den Köpfen – nach Hause oder sie waschen ihre Wäsche dort gleich aus und lassen sie auf dem heißen Sand trocknen. Rinder und Ziegen werden von Hirten über das Flussbett getrieben. Die meisten Verkehrswege in Maroua sind nicht geteert, Autos und Mofas wirbeln den ganzen Tag Staub auf, vermischt mit Smog, der das Atmen erschwert und den Hustenreiz fördert. Es herrscht eine heiße trockene Hitze. Wohltuend dagegen sind die schattigen Alleen mit riesigen Neembäumen und Akazien. An riesige Verwaltungsgebäude schließen sich von Mauern umgebende Lehmhütten an, Handwerksbetriebe säumen die Straßenränder, das Leben spielt sich auch hier auf der Straße ab – nicht zu übersehen sind hier die vielen armselig gekleideten Menschen, schmutzig, zerlumpt, bettelnd. Dieses unüberschaubare Treiben macht uns benommen, erscheint fast unwirklich, fasziniert, verwirrt, lässt uns staunen, erzählt aus einer anderen Welt, auf die wir uns immer wieder neu einlassen und auch einlassen müssen.
In Maroua treffen wir Roland, Dr. Roland Ziebe, Veterinär, mit Projekten an der Uni beschäftigt, Vorsitzender von CODEBO, dem Committee Development Boboyo. Er wohnt mit seiner jungen Frau Doudou Florentine und seiner fast zweijährigen Tochter Didja Aurose am Stadtrand von Maroua in einer wunderschönen großen Rundhütte, umgeben von Mango-, Papaya- und Mandarinenbäumen und blühenden Sträuchern – ein kleines Paradies. Er wird in den nächsten Tagen unser ständiger und fürsorglicher Begleiter sein. Untergebracht sind wir im Hotel Fety, das Zimmer ist einfach, das Bett sauber. Sehr störend jedoch in den Nächten die Hellhörigkeit – Fernseher und Radios laufen die ganze Nacht lang.
Schreck in der Abendstunde. Als wir mit Rolands Auto zum Essen fahren wollten, hatte es einen „Platten“. Wir mussten also zu Fuß gehen, derweil der Reifen ausgewechselt wurde. „Ist ja nur um die Ecke!“ Ich hatte das Gefühl, es seien mindestens 10 km, die wir auf den holprigen Wegen im Stockdunklen zurücklegen mussten, und ich hatte Angst, in ein Loch oder in einen Graben zu fallen! (Wäre ja nicht das erste Mal!) Zum Glück hatte ich eine Taschenlampe dabei.
Roland und Doudou führten uns in eine schummrige Kneipe am Straßenrand – nie im Leben wäre ich dort allein hineingegangen – und bekamen dort den leckersten Fisch serviert, frisch gegrillt, gut gewürzt, mit Salat (den wir jedoch gemieden haben), Maniok oder Casava genannt (ein Knollengewächs) und gebackenen Gemüsebananen, dazu Chili-Soße und Gemüsepesto. Und jetzt konnte auch Manfred nicht ausbüxen – es wurde mit den Fingern gegessen, Messer und Gabel gab es einfach nicht! Und wie es ihm geschmeckt hat! Die Fische werden frisch aus dem Magasee angeliefert und vor Ort auf dem Grill zubereitet.
Auf der Heimfahrt gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Rolands Papiere wurden eingehend kontrolliert, auch wir mussten uns ausweisen. Wir wussten, dass man immer Ausweispapiere bei sich haben muss, es würde aber ein Personalausweis genügen, den Pass sollte man der Vorsicht halber lieber an einem sicheren Ort deponieren. Da sind wir aber an den Falschen geraten! Sehr ernst und düster dreinblickend wollte er unsere Personalausweise nicht anerkennen und unterzog uns beim Schein einer Taschenlampe einem längeren Verhör. Uns war recht mulmig zu Mute. Doch nachdem er sich mit seinem Chef beraten hatte, ließ man uns passieren.
Natürlich ließen wir auch hier in Maroua das Projekt nicht aus den Augen. Hilfe erhofften wir uns von Rolands Hausnachbarn, Hon. Amadou Adji, Vice-Chairman of the Committee on Education, Vocational Training and Youth. Er gewährte uns eine Audienz von bleibender Erinnerung. Schon das Äußere seiner Erscheinung ließ einen Mann von hohem Ansehen erkennen, groß, gut aussehend, würdevoll, höflich, mit einem prachtvollen Gewand. Er ließ starken gesüßten Kaffee bringen, den er uns selbst servierte. Der große Raum war angenehm kühl, mit vielen Teppichen ausgelegt – die Schuhe ließen wir an der Tür stehen, wie es die Sitte erfordert –, die Fenster mit bis zum Boden fallenden Vorhängen verdeckt. Ich versank geradezu in den tiefen Sesseln – und mich befiel ein Gefühl der Traumhaftigkeit – sitze ich wirklich im Haus eines begüterten Moslems, der sich für uns Zeit nimmt, seine Freunde warten lässt, mit denen er um seine dritte und jüngste Frau trauert, die vor ein paar Tagen gestorben war. . .
Roland erklärte dem äußerst interessierten Mr. Amadou Adji das Projekt in den Schulen von Boboyo und Kaele von SES, ident.africa und CODEBO, versprach Unterstützung für die Herausgabe der Computer beim Zoll und wünschte sogleich ein weiteres Projekt für die Schulen hier in Maroua – er könne 200 Computer gebrauchen!
Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir, wie die schulische Situation in anderen Dörfern und Städten dieses Landes ist. Nicht 80 Schüler – wie in Boboyo – sitzen hier in einer Klasse, sondern bis zu 240, die von nur einem Lehrer unterrichtet werden. Auch in Boboyo gibt es für die insgesamt ca. 400 Schülerinnen und Schüler nur zwei Lehrer von der Regierung, die anderen sieben Lehrer werden von ident.africa und von den Eltern bezahlt! Es gibt Schulen, die weder Tische noch Bänke haben – und die Regierung ist nicht imstande (oder nicht interessiert?), dieses Problem zu lösen. Natürlich stehen Gelder für Education zur Verfügung – doch in welche Kanäle sickern sie? Hier muss noch viel Arbeit geleistet werden!
Durch die Vermittlung von Mr. Amadou Adji kommen wir endlich an die richtige Adresse, zu dem Chef der Zollinspektion in Maroua, einem älteren, stattlichen, starke Autorität ausstrahlenden Mann mit grauen Haaren und grauen Bart und einer tiefen, wohltönenden Stimme. Er setzt sich sofort mit dem Zoll in Douala in Verbindung, um (wieder einmal!) zu erklären, dass es sich um gebrauchte Computer für Schulen handelt. Ohne Umschweife erklärt er uns die Schwierigkeiten, über die wir immer wieder stolpern. Er macht klar, dass Zoll gezahlt werden muss, wie alles, was in das Land eingeführt wird. Eine Zusage des Ministers für Educatiion wird nichtig, wenn nicht der Minister der Finanzen zustimmt. Und das ist ein langwieriger Prozess! Mit Mr. Essam wird vereinbart, das Geld für den Zoll zur Verfügung zu stellen, um endlich zu einer Lösung zu kommen.
Bevor wir Maroua verlassen, versäumen wir nicht, das Zentrum für Kunsthandwerk zu besichtigen. Leider waren die Werkstätten geschlossen, so dass wir die Handwerker nicht bei ihrer Arbeit beobachten konnten.
Unserer Weiterfahrt in den Waza-Nationalpark stand nun nichts mehr im Wege.
In einem Land Cruiser mit dem tollkühnen Fahrer Hamidou der Universität und Roland ging die Fahrt über eine Asphaltstraße Richtung Norden nach Mora, einer langgestreckten Stadt mit schattigen Alleen aus Neembäumen. Die Häuser sind hier viereckig, meist mit Wellblech abgedeckt und von kleinen Lehmmauern umgeben – im Gegensatz zu den Rundhütten in Boboyo, unserem Lieblingsdorf, die mit Stroh bedeckt sind. Die Landschaft wird jetzt flach, nur noch von einzelnen Felsbrocken unterbrochen, weit breitet sich eine Busch- und Steppenlandschaft aus.
Der Waza-Nationalpark ist der bekannteste und tierreichste Nationalpark Kameruns mit einer Fläche von 170.000 ha. Mit zwei Wissenschaftlern gehen wir auf Safari: Roland natürlich – er hat hier bereits ein Projekt durchgeführt, bei dem mit Hilfe von eingesetzten Chips bei Löwen per GPS deren Wege erkundet werden können (notwendig, weil die Löwen in der großen Trockenzeit bis in die Dörfer kommen und das Vieh reißen). Sein jetziges Projekt hat zum Ziel, die Fischbestände in den Teichen und Seen in der Trockenzeit zu sichern. 1/3 des Parks besteht aus Sumpfgebiet, das im Laufe der Trockenzeit austrocknet und nur einige Wassertümpel zurücklässt. Es wurden Brunnen gebohrt, um mit Hilfe von mobilen Pumpen den Wasserstand zu regulieren und damit das Leben der Fische zu erhalten. Ein weiterer Schritt soll die Vermarktung der Fische sein, um eine Einkunftsquelle für die Bevölkerung zu ermöglichen. Der andere Wissenschaftler, Francois aus Montpellier in Frankreich, arbeitet in einem Team, das die Wasservorkommen in Kamerun dokumentiert. Wir haben uns also in interessanter Begleitung befunden! Wenn wir auch keine Elefanten und Löwen zu Gesicht bekamen, konnten wir doch Giraffen beobachten, Strauße, Antilopen, Wildschweine, Mangouste (ich kenne den deutschen Namen dafür nicht, sehen aus wie riesige Ratten), Affen, Hyänen, Perlhühner und eine Anzahl Vögel, allen voran die quirligen zwitschernden Schwärme von Webervögeln. Manfred schenkte mir ein Sträußchen mit lila Sumpfblüten und trockenen Grashalmen – wir hatten Hochzeitstag! Vor 37 Jahren haben wir am 3. Dezember in Sambia in Afrika geheiratet!
Im Campement de Waza, am Hang gebaut, übernachteten wir in einem gemauerten, mit einem Strohdach versehenen Rundhütten-Bungalow und genossen die Weite und die Stille dieser Ebene.
Bei einem Gang durch das kleine Dorf Waza verfolgten uns tausend Blicke, teils freundlich lächelnd, grüßend, teils ernst und skeptisch. Die Kinder eilten auf uns zu und fragten nach „Cadeau“, waren aber nicht aufdringlich. Am Straßenrand lagen riesige, übermäßig beladene Laster, an denen vor der Weiterfahrt in den Tschad Reifenwechsel und letzte Reparaturen vorgenommen wurden. In dem Restaurant „Chez Alwine“ am Ausgang des Dorfes kehrten wir ein, es gab wieder einen lecker zubereiteten Fisch mit Gemüse und Kartoffeln.
Hier fanden wir uns auch am nächsten Morgen mit Sack und Pack wieder ein, um mit einem öffentlichen Kleinbus zurück nach Maroua zu fahren. Dieses Abenteuer hatte uns ja noch gefehlt. Man wartet an der Straße auf den Transport, und wenn man Glück hat, gibt es freie Plätze. Wir mussten fast drei Stunden warten, bis wir mitgenommen wurden und uns als letzte in den kleinen Bus zwängen konnten. Bei den Ausweichmanövern wegen der vielen Schlaglöcher auf die sandigen Seitenstreifen geriet der hoch beladene Bus in bedenkliche Schieflagen. Eine Fahrt durch ein ausgetrocknetes Flussbett wurde dank des kundigen Fahrers gut gemeistert. Ich habe mich über mich selbst gewundert, dass ich die fast 3-stündige Fahrt ohne Bewegungsfreiheit unbeschadet überstanden habe!
In Maroua wollten wir uns mit Roland treffen, der aber nicht zu erreichen war. So schlugen wir uns zum Busbahnhof durch und setzten unsere Fahrt – wieder mit einem öffentlichen Bus, wieder eingequetscht mit den anderen Reisenden – bis nach Kaele fort, wo wir nach fast zwei Stunden Fahrt glücklich und staubig und hungrig in „unserem“ Hotel les Palmiers landeten.
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