Die zweite Woche in Boboyo
Kamerun Teil 2 – Montag, 24. November 2008
Es ist Montagvormittag. Ich sitze in einem Office der Schule von Boboyo, Schweißtropfen laufen über mein Gesicht und den Rücken hinunter, es sind 35 ° im Raum, draußen in der Sonne habe ich 45 ° gemessen. Durch das Fenster habe ich einen weiten Blick über die Savanne, dahinter erhebt sich der schwarze Berg von Boboyo. In der Ferne erkenne ich einige Lehmhütten, vor denen Frauen in bunten Kleidern Korn stampfen, kleine Kinder hüpfen herum, Schafe, Ziegen und Rinder ziehen langsam den sandigen Weg entlang. Es ist wohltuend ruhig und friedlich – es erscheint fast unwirklich. Doch dann ertönt der metallene Klang des Gongs – Pause – die Schülerinnen und Schüler streben in ihrer hellblauen Schuluniform aus den Klassen, schwatzen, kichern, der Hof füllt sich mit Leben. Aber niemanden sehe ich essen oder trinken, selbst die Lehrer nicht. Manfred ist der einzige, der eine Notration bei sich hat – eine Packung trockener Kekse, und ich schleppe immer eine Flasche Wasser mit mir herum, halte mich aber mit dem Trinken so gut es geht zurück, um nicht allzu oft das Toilettenhäuschen aufsuchen zu müssen, das ja bekanntlich eine andere Ausstattung hat als bei uns daheim. Gerade musste ich meinen Raum verlassen, weil der immer staubige Boden mit einer Gießkanne voll Wasser benetzt wurde. Die Handwerksarbeiten gehen gut voran. Gerade ist der letzte Tropfen Farbe verbraucht worden, jetzt muss der Maler ins nächste Dorf fahren und Nachschub holen. Die Computertische und Stühle sind geliefert und aufgestellt, die Elektriker legen Kabel und Kabelkanäle und installieren Leuchtröhren an den Wänden. Die Fenstergitter sind gestrichen und werden angebracht. Ab und zu lasse ich mich vor Ort blicken und kann manch guten Rat geben. Aber Manfred gefällt es nicht immer, wenn ich mich einmische, schließlich hat er doch das Sagen!
Bleibt wiederum nur ein Problem – die Computer! Jede Minute warten wir auf das erlösende Signal aus Jaounde bzw. Douala, dass der Zoll die zollfreie Auslieferung der Computer für Schulungszwecke anerkennt. Für den Transport per LKW rechnen wir noch ein paar Tage, so dass die Computer zum Wochenende hier eintreffen könnten . . . Nachdem Manfred am letzten Freitag und Samstag noch in heller Aufruhr wegen der Verzögerung war – schließlich ist seine Zeit hier begrenzt, konnte er doch am Sonntag so richtig abschalten. Wir verbrachten erholsame Stunden im Hotel mit Ausschlafen, Lesen, Diskutieren – nur unterbrochen von den Fahrten zu Solange, der Inhaberin unseres Circuit, zum Essen. Heute gab es gekochten Fisch und Brot zum Frühstück, eine Abwechslung zum sonst täglichen Omelett. Die landesübliche Küche beschert uns jeden Mittag und jeden Abend Couscous aus Hirse „Boules de mil“, manchmal Reis oder Nudeln, mit Fleisch oder Fisch oder Blattgemüse, gewürzt mit Chili. Sicherlich gibt es demnächst ein Bohnengericht, denn wir sahen Solange beim Auspulen von getrockneten Bohnenschoten zu. Ich bin immer ganz glücklich über Gemüse, am besten mit Erdnusssoße, denn das Fleisch (von Rind, Ziege, Hammel, Geflügel) entspricht nicht immer meinen Vorstellungen. Bei einem Essen im Haus von Nyeyambe ließen wir uns Yams und Süßkartoffeln schmecken und als Krönung vitaminreiche rosafarbene Guaven-Früchte und Orangen.
Hier im Norden Kameruns wird Hirse nicht nur für Couscous verwendet, sondern auch zur Herstellung von Hirsebier. Es wird in Kalebassen aufgehoben und ist sehr alkoholhaltig, aber wir haben es bislang noch nicht probieren können. Bei einer unserer zahlreichen Fahrten von Kaele nach Boboyo schauten wir beim Ernten von Erdnüssen zu, zumeist sind Frauen und Kinder bei der Arbeit, gegen Staub und Hitze durch Kopfbedeckungen und Tücher geschützt. Die Erde um eine Pflanze wird zuerst beklopft, dann gehackt, anschließend wird der dürre Strauch aus der Erde gezogen, um die Nüsse an den Wurzelenden zu ernten. Während ich gefragt wurde, ob ich es auch einmal versuchen möchte, bekam Manfred gleich eine Handvoll Erdnüsse geschenkt!
Von November bis April herrscht in dieser Gegend die große Trockenzeit. Das Land ist trocken und staubig, die Flüsse sind ausgetrocknet. Beim Befahren der Pisten – es gibt nur wenige geteerte Straßen – werden riesige Staubwolken aufgewirbelt, und man muss schon ein geübter Fahrer sein, um bei den Slalomfahrten keinen Achsenbruch zu verursachen, denn während der großen Regenzeit von Juni bis Oktober werden die Sandstraßen durch die heftigen Tropenschauer ausgehöhlt und ausgewaschen. Jetzt beginnen die Ausbesserungsarbeiten, damit die Straßen wieder von den LKWs zum Einbringen der Baumwollernte befahren werden können. Eine große Fabrik in Maroua verarbeitet die Baumwolle zu Öl und Stoffen. Dienstag, 25. November 2008
Nachdem es gestern Morgen, gestern Mittag und heute Morgen wieder Fisch gegeben hat, hat Manfred gestreikt. Er begnügte sich mit Beignets und Papaya – köstlich! – während ich ein Stückchen Fisch mit Appetit gegessen habe. Die Neuigkeiten des Tages: die Bohrmaschine hat ihren Geist aufgegeben, die Computer sind noch im Zoll.
Freitag, 27. November Das Resultat dieser Woche: Die Computerräume sind fertig, die Computer befinden sich immer noch in Douala.
Ich brauche wohl nicht zu schreiben, in welch gespannter Verfassung sich Manfred befindet. Immer wieder wurde ein neuer Weg gesucht per Telefon, Mail, Expressschreiben, immer wieder Hoffnung, immer wieder Enttäuschung, immer wieder liegt ein dicker Stein im Weg! Die Zeit drängt! Abschalten . . . Eine gute Möglichkeit dazu ergab sich bei einer Einladung zum Essen im Hause des Headmasters des Lycee in Kaele, Mr. Elias Wassou, genannt Wasel. Allein schon die Bekanntschaft mit Jeanne, seiner Frau, war ein einzigartiges Erlebnis. Strahlend betrat sie den Raum, nein, sie trat auf, begrüßte uns herzlich und lebhaft, als ob wir alte Freunde seien, redete in drei Sprachen durcheinander, blitzende Augen, herrlich weiße Zähne, ein wunderschönes dunkelrot-goldenes Gewand, das Kopftuch aus dem gleichen Material – sofort wurden wir von ihrem Charme und ihrer Fröhlichkeit angesteckt und vergaßen für eine lange Zeit unsere Sorgen. Wie soll ich das Essen beschreiben – ich kann nur sagen, es wurde getafelt. Riesige Platten wurden aufgetragen mit gerösteten Kartoffeln, gekochten und frittierten Bananen, ein Blech mit mehreren ganzen Fischen im Gemüsebett und mit viel Knoblauch, dazu ein frischer Salat aus Möhren, Zwiebeln, Tomaten und Erbsen. Als Getränk natürlich Wasser und – wir trauten unseren Augen nicht – der Hausherr öffnete uns zu Ehren eine Flasche herrlichen französischen Rotwein. Wir lernten die fünf Söhne kennen, die, nach und nach aus den Schulen kommend, im Haus eintrafen, und Manfred musste schließlich den Computer begutachten, den Wasel selbst aus Einzelteilen zusammengebaut hat. Natürlich war Manfred beeindruckt – nicht jedoch von dem Gewirr der elektrischen Leitungen, das sich durch das ganze Wohn-Esszimmer zog. Nach diesen ergötzlichen Stunden war an Arbeit nicht mehr zu denken. Wir zogen uns ins Hotel zurück und verzichteten auf das Abendessen bei Solange im Circuit.
29.11.2008 bei 00:05
Der Temperaturunterschied zu uns hier in Mainz ist schon gewaltig. Ich kann nur mit Euch hoffen, dass die Computer endlich aus dem Zoll kommen und Manfred seinen Job glücklich zu Ende bringen kann. Hela, Deine Berichte machen uns viel Freude. Man kann sich in Gedanken gut auf die Reise begeben.
29.11.2008 bei 00:41
Danke, interessant-, ich freue mich, die Berichte zu lesen. Wie merkst du dir die Namen und deren Schreibweise? Was denn für Fisch wird geboten? See-/Meeresfisch?Ist der Fußboden im Computerraum gestampfter Boden? Möge der Zoll ein Einsehen nicht nur mit euch haben. Gruß R
30.11.2008 bei 14:36
Liebe Hela, lieber Manfred, einen lieben Gruß zum 1.Advent aus dem zart verschneiten Mainz ins heiße Afrika. Mit großem Interesse habe ich Eure Berichte gelesen, die ja wieder sehr abenteuerlich klingen. Ich kann Euch einfach nur bewundern und wünsche Euch von ganzem Herzen, daß alles jetzt klappt und die Computer mittlerweile da sind.
Alles Gute für die nächste Zeit. Ich bin schon gespannt auf den nächsten Blog. Herzlich Eure Inge
6.12.2008 bei 13:00
Hallo Hela und Manfred,
vielen Dank für die tropischen Glückwünsche zu meinem 70ten Geburtstag. Ich war überrascht und erfreut, dass Ihr trotz aller Schweißtropfen, die das Projekt und das Klima Euch bereiten, doch an mich gedacht habt.
Unsere Enkeltochter hat bei der Feier den Sekt verabscheut und Muttermilch vorgezogen! Na ja, das wird sich noch ändern.
Eure Berichte über das Projekt habe ich mit Interesse und Anerkennung gelesen.
Herzliche Grüße
Manfred