Archive für 21.11.2008

Die erste Woche in Boboyo

Kamerun Teil 1 – Donnerstag, 20. November 2008  Am 15. Mai 2008 fand während der 25-Jahr-Feier des SES (Senior Experten Service) in Bonn eine schicksalhafte Begegnung zwischen Manfred und Fred-Eric Essam statt. Herr Essam (in Köln lebender IBMer) ist Organisator von ident.africa, der viele Projekte in seinem Heimatdorf Boboyo im Norden  Kameruns verwirklicht hat – und Manfred ist immer auf der Suche nach neuen Projekten. Das Resultat dieser Begegnung: Nach genau sechs Monaten landen wir in Kamerun, damit Manfred seinen neuen Auftrag für den SES bei der NGO (Non Government Organisation) CODEBO – Committee Development Boboyo – durchführen kann.  

Kamerun wird wegen seiner Vielfältigkeit auch „Afrique en miniature“ genannt. Ein erster Eindruck tat sich beim Blick aus dem Flugzeugfenster kurz vor der Landung in Douala auf, als sich ein riesiges Flussdelta unter uns ausgebreitete.  Nach der pünktlichen Landung, Pass-, Zoll- und Gelbfieberkontrolle strebten wir dem Ausgang zu, an dem sich Horden von Gepäckträgern drängelten, die von der Flughafenpolizei gewaltsam zurückgehalten werden mussten. Ein rettender Engel wartete mit einem Schild mit unseren Namen an der Absperrung – eine angenehm warme Luft umströmte uns, und wir betraten wieder einmal afrikanischen Boden. Die Nacht verbrachten wir im Ibis-Hotel in Douala, denn erst am nächsten Morgen konnten wir in den Norden Kameruns weiterfliegen. Während des Abendessens begrüßte uns der Direktor des Zementwerks in Douala, ein „Fils de Boboyo“. Viele dieser in Boboyo geborenen Männer, setzen sich für die kulturellen und sozialen Belange des Dorfes ein. Diesen „Fils de Boboyo“, zu denen an erster Stelle Frank-Eric Essam gehört, sollen wir in den nächsten Tagen noch oft begegnen. 

Der Abflug am nächsten Morgen verzögerte sich um 2 ½ Stunden, so dass wir erst am späten Nachmittag in Maroua landeten, inzwischen durstig und mit knurrendem Magen. Aber die Begrüßung am Flughafen durch die Haedmaster der Schulen in Boboyo, Kaele und Gaban-Lara war so herzlich, dass wir alle Kümmernisse vergaßen. Pech nur, das Manfreds Koffer nicht auf dem Laufband erschien, er war auch nicht irgendwo stecken geblieben und auch nicht auf dem Gepäckwagen zu entdecken. Das Flugzeug durfte vorerst nicht weiterfliegen, der Manager des Flughafens und die drei Headmaster gerieten in heftige Diskussionen. Es stellte sich heraus, dass der Koffer im Flugzeug geblieben war, und man versprach, ihn am nächsten Tag nach Kaele zu transportieren, wo sich unser Hotel befand. Letztendlich kam der Koffer am Sonntag an – und Manfred konnte sich endlich frisch einkleiden und seinen Kratzebart rasieren. Doch vorerst befanden wir uns noch auf dem Flughafen von Maroua. Eine lange Autofahrt nach Kaele in Begleitung der Headmaster stand uns bevor. Nach dem Flussdelta mit seinen üppigen grünen Inseln lernten wir ein anderes Gesicht Kameruns kennen – weite trockene Ebenen mit vielen grün belaubten Bäumen, viele davon einzeln und majestätisch in der Landschaft stehend. Im gleißenden Licht der Spätnachmittagssonne ging die Fahrt bis zur Fondation Bethleem de Mouda, wo in der Behindertenwerkstatt Tische und Stühle für die Computerräume in Auftrag gegeben worden waren, die in wenigen Tagen geliefert werden sollten. Leider war weit und breit kein fertiger Tisch zu sehen – nur ein allein stehender Stuhl. Manfreds Miene sprach Bände! Zum Glück hat er Ruhe bewahrt! Schließlich ist er erst am Anfang des Projekts. 

Bis wir unser Ziel Kaele erreichten, erlebten wir ein unbeschreiblich beeindruckendes Naturwunder. Der Himmel, anfangs in grellem Gelb, verfärbte sich langsam in verschwommenes Rosa – Hellblau – Dunkelblau, bis ein Sternenhimmel und ein Vollmond aus dem Dunkel hervortraten. Manfred hatte während der Weiterfahrt im Stockdunklen Mühe, seine Besorgnis über die schnelle Fahrweise unseres – sehr geübten – Fahrers zu verbergen, galt es doch, unbeleuchteten Fahrrädern und Mopeds, am Rande der Straße gehenden Menschen und den vielen Schlaglöchern auszuweichen. Natürlich erreichten wir unbeschadet das Hotel les Palmiers in Kaele und bezogen das uns zugedachte Zimmer. An den Geruch von Desinfektionsmitteln – Mottenkugeln – mussten wir uns erst gewöhnen! 

Auf dem freien Platz vor dem Hotel wurden wir in großer Runde bei einem erfrischenden kühlen Bier willkommen geheißen, und wir fühlten uns sehr geehrt durch die Begrüßung des Königs von Boboyo, der ehrfurchtsvoll mit „Majeste“ angesprochen wird. Und dann wartete ein neues Abenteuer auf aus: das erste Abendessen in Kamerun im Circuit de Solange, einem  kleinen afrikanischen Restaurant mit landesüblicher Küche! Schüsseln mit Wasser standen auf dem Sandboden, und wir wurden gehalten, unsere Hände zu waschen. Manfred meinte, er hätte sie bereits im Hotel gewaschen, was aber herzhaftes Lachen auslöste, denn in Kamerun wäscht man sich immer vor dem Essen die Hände, denn man isst mit den Händen, das heißt, mit der rechten, der reinen Hand.  Es gab Hähnchen mit Beignets. Als ich an der Reihe war mit Auffüllen, erwischte ich als erstes einen Hals, dann ein Gerippe, bis man mir zu Hilfe kam und einen Schlegel für mich herausfischte. Nachdem ich meine Gastgeber beim Essen beobachtet hatte, griff ich auch beherzt mit den Fingern zu und ließ es mir schmecken. Manfred konnte sich nicht dazu überwinden und aß wie gewohnt mit Messer und Gabel, was er bis heute tut. Wieder im Hotel, bediente sich Manfreds meines Waschzeugs und sank todmüde in die Kissen, er brauchte schließlich keinen Koffer auszupacken! Mein Sauberkeitsritual begann mit einem großen Schrei. Beim Öffnen des Wasserhahns sprang die Wasserleitung aus der Befestigung an der Wand, und in Sekundenschnelle standen das Badezimmer und meine Kulturtasche unter Wasser – und ich mittendrin! MANFRED!!!!! Geistesgegenwärtig drehte er den Wasserhahn zu, schlüpfte wieder ins Bett und war zugleich wieder eingeschlafen. Und ich konnte mir weder den Staub des Tages abwaschen noch die Zähne putzen!  

Am nächsten Morgen erwachten wir ausgeruht, aber mit etlichen Moskitostichen versehen, und hatten die Möglichkeit, uns im gegenüberliegenden Zimmer frisch zu machen. Die beiden Headmaster, Mr.Nyeyambe von der Secondary School in Boboyo und Mr. Elias Wassou vom Lycee Bilingue von Kaele, ließen es sich nicht nehmen, uns zum Frühstück bei Solange abzuholen, was sie übrigens die ganze Zeit und zu jedem Essen mit größter Selbstverständlichkeit und Freundlichkeit tun. Nachdem wir die Hühner aus unserer Essecke verscheucht und unsere Hände gewaschen hatten, gab es ein leckeres Omelett mit Zwiebeln und Chili, dazu Kaffee und Tee. So gestärkt, begann die Bestandsaufnahme in den beiden Schulen, in denen die Computerräume eingerichtet werden sollen, zuerst in Kaele, wo bereits Stromanschluss und ein fertig hergerichteter Raum vorhanden sind. Manfred konnte es nicht unterlassen, in einen Klassenraum einzutreten, worauf 80 Schülerinnen und Schüler aufstanden und uns im Chor mit einem „bon jour“ begrüßten.  

In der Schule in Boboyo müssen noch viele Vorarbeiten geleistet werden – und damit waren die nächsten Tage ausgefüllt.  Nach dem Mittagessen bestand Manfred darauf, sofort nach Maroua, eine Autostunde von Kaele entfernt, aufzubrechen, um das nötige Arbeitsmaterial zu kaufen. Auf diesem Weg erlebten wir die Landschaft einmal bei Tageslicht. Unsere leise Befürchtung traf zu – das Handwerkergeschäft war geschlossen, und so mussten wir die Einkäufe auf dem „Market“ erledigen, was natürlich seinen besonderen Reiz hatte. Wie jeder Bazar besteht auch dieser aus unzähligen schummrigen Buden, überhäuft mit Material aller Art, alles sehr staubig, übereinander und untereinander liegend, die sandigen Wege sind übervölkert, nicht nur mit Händlern und Käufern und Passanten, auch mit Moped- und Fahrradfahrern, hoch mit Waren beladenen zweirädrigen Karren, den so genannten Pousse-Pousse, es hupt, klingelt, überall nicht enden wollendes Palaver in Französisch und Moundang, der hiesigen Landessprache. Manfred zieht mit Nyeyambe von Stand zu Stand, sucht, prüft, kauft, flucht, schwitzt, verhandelt, lässt sich von den Händlern beraten oder weiterführen – keiner von ihnen ist aufdringlich, jeder versucht zu helfen. Der Kauf einer Bohrmaschine war die Krönung – möglich durch eine großzügige Spende von ident.africa.  

Zufrieden, aber völlig staubig und müde erholten wir uns bei einem kühlen Bier im Garten des Hotels Porte Mayo in Maroua, fanden noch ein Internetcafé (das es weder in Kaele noch in Boboyo gibt), um unsere Mails abzuholen, und wieder ging es in tiefer Dunkelheit auf den Heimweg.  Bevor wir uns in unser Zimmer ohne Wasser zurückzogen, führte mich Manfred geheimnisvoll hinter das Hotel, wo er eine kleine Terrasse mit zwei Korbsesseln entdeckt hatte. Hier saßen wir ganz romantisch bei Kerzenlicht und einem Gläschen Whisky bei angenehm warmer Temperatur unter dem herrlichen Sternenhimmel. Das sind dankbare und unvergesslich schöne Momente bei den oft recht anstrengenden Projekten. 

Manfred – ein Mann der Tat! So ging es nicht weiter: ein Zimmer ohne Wasser, das andere ohne funktionierende Klimaanlage. Bei über 30° kann man nicht darauf verzichten. Also packte er sein Werkzeug aus und reparierte zuerst erfolgreich die Klimaanlage, dann den Toilettendeckel und schließlich die Konsole am Waschbecken. Dann zogen wir mit Sack und Pack um und richteten uns auf die vor uns liegenden Wochen ein.  An diesem Tag gewährte uns der König von Boboyo, eine imponierende Persönlichkeit, eine Audienz. Wir trafen ihn vor seinem Anwesen an, wo er bereits auf uns wartete. Er saß auf einem Stuhl, an die blendend weiße Hauswand gelehnt, gekleidet in ein weißes Gewand, mit der landesüblich fein bestickten Kappe auf dem Kopf und einem großen Tuch um den Hals geschlungen. Zwei Stühle wurden vor ihm aufgestellt, auf denen wir Platz nahmen, quer dazu ein Stuhl für Nyeyambe, der beim Übersetzen vom Englischen ins Französische oder Moundang behilflich war. Es stellte sich aber heraus, dass der König sehr wohl Englisch verstand! Er erkundigte sich interessiert nach dem Projekt und versprach Unterstützung, falls es Probleme geben sollte. Damit war die Audienz beendet, und wir wurden in Gnaden entlassen. Es war schon ein besonderes Erlebnis! Schließlich hatten wir noch nie vorher eine Audienz bei einem König! 

Eine Fahrt zum Steinbruch von Boboyo, „Carriere“ genannt, war eine Erholung für Augen und Seele. Hier wurden Granitsteine für den Straßenbau ausgehoben und gebrochen. Dabei entstand ein ca. 10 m tiefer blauer See mit kleinen Inseln und Krokodilen, die wir leider nicht zu Gesicht bekamen. An den Ufern konnten wir Einheimische beobachten beim Angeln, Wäsche oder Schafe waschen.  Rings um den See bizarre Steinanhäufungen, kleine Ansiedlungen, weidende Esel und Ziegen und im Hintergrund das weit sichtbare Kennzeichen, der schwarze Berg von Boboyo.  Eine wunderbar beruhigende Landschaft, in der wir anfangen, uns wohl zu fühlen. Wenn Manfred schon nicht auf den Berg von Boboyo klettern konnte, so startete er am Montag früh um 6 Uhr mit Joggen. Dabei traf er auf eine Gruppe Soldaten und Soldatinnen, dessen Training er sich anschloss. In einem großen Bogen versuchte er danach, zum Hotel zurückzukehren, verlief sich aber hoffnungslos.  Ein zufällig vorbeifahrender Mopedfahrer, den Manfred nach dem Weg fragte, ließ ihn aufsitzen und brachte ihn ins Hotel les Palmiers zurück.   

Frisch gestärkt konnte der erste Arbeitstag beginnen. Wird alles klappen? Wird es Probleme geben? Immer die gleichen Fragen vor einem Projekt. Aber der Tag lief gut an. Der angestellte Maler und Tischler erwies sich von Anfang an als ein Juwel. Er versteht sein Handwerk und beeindruckte Manfred mit seinem Wissen und seinen Vorschlägen zur Renovierung des Gebäudes, in dem der Computerraum eingerichtet werden sollte. In großen Mengen wurden Öl- und Wandfarben eingekauft, dazu das nötige Handwerkszeug. Manfred feilschte heftig mit dem Händler und erreichte schließlich einen Nachlass, der auch bei jedem späteren Einkauf gewährt wurde. Als erstes musste das Dach abgedichtet (ein Wasserschaden war sichtbar), die Decke ausgebessert und rostige Stellen bearbeitet werden, bevor der Innenraum gestrichen werden konnte. Dabei achtete Manfred wie ein Luchs darauf, dass immer eine Unterlage vorhanden sein musste, damit der Boden nicht vollgekleckert wird – er hat da seine Erfahrungen aus anderen Vorhaben!  Auch der Schlosser, der beauftragt war, Verriegelungen zum Anbringen der Fenstergitter anzufertigen, traf pünktlich ein und erntete viel Lob für seine perfekte Arbeit. Nur der Elektriker, der bereits Lohn für die bevorstehende Arbeit erhalten hatte, erschien nicht – er war krank.  

Erst nach heftigem Druck des Headmasters wurde das Stromkabel der Schule an das öffentliche Stromnetz angeschlossen.  Für die Zuleitung musste die Schule einen erheblichen Betrag entrichten. Unangekündigt traf der König von Boboyo an diesem Abend mit dem Principal der Technical Highschool Kaele, Mr. Tchingmbé Gabriel in unserem Hotel ein. Wir erfuhren von dem Plan, in Kaele ein Museum „Village Culturel Moundang“ zu errichten. 

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit unterschiedlichen handwerklichen Tätigkeiten wie Anschluss der Freileitung zur Versorgung des Computerraums, Raumeinteilung für die Computertische, Anbringen von Steckdosen, Besorgung von zusätzlichem Arbeitsmaterial . . . Überall war Manfred vor Ort – auf der Leiter, mit der Bohrmaschine, mit Hammer und Nägeln, improvisierend, anordnend, lobend, tadelnd. Er war so richtig in seinem Element! Aber nicht alles gelang ihm. Als er versuchte, mit einem Moped wegzufahren, würgte er das Fahrzeug wenige Meter später ab. Unter Gelächter der Lehrer und Schüler gab er sein Vorhaben auf – auch per Fahrrad konnte er nicht weiterkommen, denn das hatte einen Platten. Einen kleinen Zwischenfall gab es, der mich richtig erschreckt hat. Ich hatte  den Elektriker beim Erklimmen eines Mastes fotografiert – anschließend kam er zu mir und erklärte mir wortreich (was ich nicht verstand) und mit Gesten, dass ich sein Image gestohlen hätte. Ich war sehr verwirrt und zeigte ihm, dass ich die Fotos vernichten könnte, auf denen er zu sehen war – doch er ließ sich auf keinen Kompromiss ein. Aber Nyeyambe erlöste mich lächelnd (wenn nicht grinsend) aus meiner Misere, indem er dem Elektriker einen Schein in die Tasche steckte, und damit war die Situation gerettet.  

Inzwischen haben wir festgestellt, dass es weit und breit kein Internet gibt, um unsere Mails abzuholen oder unseren Bericht abzuschicken. Das nächste Internetcafé befindet sich in Maroua, 100 km von uns entfernt. Nur in einer Privatbank in Kaele gibt es einen Internetanschluss – und nach einem längeren Gespräch mit dem Direktor erteilte er die Genehmigung, seinen Internetanschluss zu benutzen. So freuen wir uns, dass endlich der erste Bericht von uns aus Kamerun auf den Weg gebracht werden kann. Endlich trafen wir auch Roland Ziebe, den Projektbeauftragten vor Ort, ebenfalls ein „Fils de Boboyo“. Wichtigstes Thema mit ihm war die Herausgabe der Computer aus dem Zoll in Douala.  

Und da haben wir das Problem!!! Die Computer sind noch nicht freigegeben. Es wird ein Schreiben benötigt, in dem bestätigt wird, dass die Computer zur Ausbildung in Schulen verwendet werden sollen. Zum Erhalt dieses Schreibens mit Unterschrift sind inzwischen viele Hebel in Bewegung gesetzt – viele Steine liegen am Weg. Der Delegierte in Maroua wurde eingeschaltet, ebenso wie die Deutsche Botschaft in Jounde, Fred-Eric Essam in Deutschland – zuletzt der District Officer von Kaele. Jetzt können wir nur noch beten, dass ein Weg zum Erfolg, das heißt zur Auslieferung der Computer aus dem Zoll, führt.

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